Warum Büromöbel plötzlich in der Klimabilanz auftauchen
Einkäufer in CSRD-pflichtigen Unternehmen haben 2025 eine neue Erfahrung gemacht: Plötzlich interessiert sich jemand für die Frage, aus welchem Material die Aktenschränke bestehen. Nicht aus Designgründen, sondern weil die European Sustainability Reporting Standards, konkret ESRS E1 (Klimawandel), von nun an eine lückenlose Erfassung der indirekten Emissionen in Scope 3 verlangen. Und Scope 3 umfasst — sehr deutlich formuliert — auch eingekaufte Waren, darunter Büro- und Objektmöbel.
Für große Unternehmen gilt die Berichtspflicht seit dem Geschäftsjahr 2024, für kapitalmarktorientierte kleine und mittlere Unternehmen ab 2026. Die Prüfungstiefe steigt stufenweise an. Was das für die Beschaffung bedeutet, wird oft unterschätzt: Jedes Möbel, das neu ins Haus kommt, muss in der Unternehmensbilanz mit seinem Product Carbon Footprint auftauchen — im Idealfall gestützt auf eine herstellerseitige Umweltproduktdeklaration (Environmental Product Declaration, EPD) nach DIN EN 15804.
Genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob man aufs richtige Material setzt. Und hier beginnen die Missverständnisse.
Die Primärerzeugung: wo die großen Unterschiede entstehen
Wer die Materialauswahl bei Büromöbeln überhaupt nicht verfolgt, nimmt oft intuitiv an, Aluminium sei wegen seines niedrigen Gewichts auch ökologisch die leichtere Wahl. Die Rechnung stimmt nicht. Die primärenergetische Herstellung beider Werkstoffe unterscheidet sich um den Faktor fünf bis acht — und das zugunsten von Stahl.
Laut Stahlinstitut VDEh und Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft fallen bei der Primärerzeugung einer Tonne Rohstahl rund zwei Tonnen CO₂-Äquivalente an. Bei einer Tonne Primäraluminium sind es — je nach Produktionsstandort und Energiemix — zwischen etwa zehn und siebzehn Tonnen CO₂-Äquivalenten. Deutsche Werke liegen durchschnittlich bei rund siebzehn Kilogramm pro Kilogramm Aluminium; in Norwegen mit seinem hohen Wasserkraftanteil sinkt der Wert auf rund ein halbes Kilogramm, in China mit kohlelastigem Mix steigt er auf etwa fünfundzwanzig. Das bedeutet: Bei gleicher Produktfunktion macht es einen erheblichen Unterschied, woher der Aluminiumlieferant sein Vormaterial bezieht.
Bei Stahl ist die Spannweite geringer, und das ist für die CSRD-Berichterstattung ein erheblicher Vorteil: Der Werkstoff ist aussagekräftiger bilanzierbar. Rechnet man Mehrfach-Recyclingzyklen ein, sinken die spezifischen Emissionen pro Tonne Stahl laut Stahlinstitut unter die Marke von einer Tonne CO₂.
Das Recycling-Argument: mehr Mythos als Messwert
Nun werden Aluminiumanbieter an dieser Stelle auf die hohe Recyclingquote verweisen. Das ist richtig — und gleichzeitig irreführend. Beim Post-Consumer-Aluminium, also Material, das tatsächlich einen Produktlebenszyklus durchlaufen hat, bewegt sich der CO₂-Fußabdruck in der Tat nahe null. Die Standards für Ökobilanzen erkennen das ausdrücklich an. Das Problem: Die verfügbaren Mengen an echtem Post-Consumer-Schrott decken weltweit nur rund dreißig Prozent der aktuellen Nachfrage ab. Der Rest ist entweder Primärmaterial oder Pre-Consumer-Schrott aus Produktionsabfall — und dessen Fußabdruck entspricht im Grunde dem des Primärmaterials, weil das Material noch nie eine Nutzungsdauer hatte.
Wer als Einkäufer also eine Aluminium-Schrankwand kauft und sich auf „hohen Recyclinganteil" verlässt, ohne nach der Aufteilung zwischen Pre- und Post-Consumer-Material zu fragen, kauft sich eine Klimabilanz, die in der EPD-Prüfung nicht hält, was das Marketing verspricht. Stahl hat in diesem Punkt einen strukturellen Vorteil: In der europäischen Stahlindustrie werden bereits heute über 90 Prozent des End-of-Life-Stahls zurückgewonnen, und in der Elektrostahlerzeugung kommt der Schrottanteil auf rund 100 Prozent. Edelstahl erreicht Recyclingquoten von über 90 Prozent — nach Daten einer gemeinsamen Studie des finnischen Konzerns Outokumpu und der fka Aachen GmbH aus 2024.
Nutzungsdauer und Reparierbarkeit: der unsichtbare Hebel
Die Primäremissionen sind nur ein Teil der Rechnung. Der zweite — und in der 15-Jahres-Betrachtung mindestens ebenso wichtige — Hebel liegt in der Nutzungsdauer. Ein Schranksystem, das zehn Jahre hält und dann weggeworfen wird, hat eine schlechtere Ökobilanz als eines, das zwanzig Jahre im Einsatz bleibt und nach Ablauf reparier- oder rekonditionierbar ist. In der Branche der Stahlschranksysteme ist diese Logik seit Jahrzehnten Standard: Rollregalanlagen, Archivschränke und Bürostahlschränke deutscher Hersteller sind in der Regel bis weit über die bilanzielle Abschreibung hinaus nutzbar; in Archiven und Behörden findet man Stahlschränke im aktiven Dienst, die in den 1980er Jahren gebaut wurden.
Aluminium-Möbel haben diesen Vorteil zwar technisch auch, werden aber in der Praxis häufiger aus Designgründen ausgetauscht, weil die Aluminium-Optik stärker modeabhängig ist. Die reale Nutzungsdauer — und nicht die theoretische — geht in die Ökobilanz ein. Wer im Sinn der Kreislaufwirtschaft einkauft, sollte deshalb nicht das Material im Marketingprospekt betrachten, sondern fragen: Ist der Schrank reparierbar? Lassen sich Türen, Schlösser und Fachböden nachbestellen? Gibt es ein Rücknahmeprogramm des Herstellers für das Ende des Lebenszyklus?
Der Fall deutsche Stahlmöbelindustrie
Deutschland hat historisch eine starke Stahlmöbeltradition. Hersteller wie mauser einrichtungssysteme mit Sitz in Korbach (Hessen, Waldeck-Frankenberg) bauen seit 1896 — also seit 130 Jahren — Einrichtungen aus Stahl. Das Unternehmen gehört heute zur Vauth-Sagel-Gruppe und beschäftigt als Teil des Verbunds rund 800 Mitarbeitende an vier deutschen Standorten. Für Einkäufer unter CSRD-Druck ist ein solcher Hersteller aus einem konkreten Grund interessant: Er arbeitet innerhalb der deutschen Stahlwertschöpfungskette, hat die Lieferkettendaten seiner Rohstoffe transparent zugänglich und kann auf Nachfrage produktspezifische Umweltinformationen bis hin zu EPDs liefern — also genau jene Daten, die im Nachhaltigkeitsbericht als „primary data" ausgewiesen werden müssen.
Das Unternehmen erhielt sowohl 2022 als auch 2025 die Auszeichnung „Marke des Jahrhunderts" in der Produktgattung Stahlmöbel. Relevanter als der Marketingpreis ist jedoch die fertigungstechnische Tatsache, dass die Stahlschranksysteme vollständig aus recycelbarem Stahl bestehen und am Produktlebensende demontierbar in den Materialkreislauf zurückgehen können. Für Archive, Behörden, Bibliotheken und große Verwaltungen — also die Zielgruppen, in denen Möbel typischerweise 15 bis 25 Jahre im Einsatz sind — schlägt dieser Rahmen in der CSRD-Bilanz deutlich durch. Vergleichbare Positionen im deutschen Markt nehmen Hersteller wie C+P Möbelsysteme, BISLEY Deutschland oder Bruynzeel ein; die Logik bleibt in allen Fällen dieselbe.
Was im CSRD-Bericht tatsächlich ankommt
Für den Einkauf ergeben sich daraus konkrete Handlungen. Erstens: Jede Möbelbestellung über einem Schwellenwert (in der Praxis oft 5.000 bis 10.000 Euro Nettowert pro Order) sollte mit der Anforderung einer EPD oder zumindest eines Product Carbon Footprint nach ISO 14067 versehen sein. Zweitens: Die Herkunft des Rohmaterials sollte dokumentiert werden — bei Aluminium insbesondere die Energieherkunft des Schmelzwerks, bei Stahl der Sekundäranteil. Drittens: Reparaturfähigkeit und Ersatzteilverfügbarkeit gehören in die Ausschreibungskriterien, nicht nur Preis und Lieferzeit.
Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Kennwerte zusammen, die in einer CSRD-tauglichen Materialentscheidung geprüft werden sollten. Sie ersetzt keine projektspezifische Ökobilanz — sie zeigt aber, welche Größenordnungen der Einkauf im Auge behalten muss.
| Kriterium | Stahl (typisch) | Aluminium (typisch) |
|---|---|---|
| Primärerzeugung (t CO₂-Äqu. pro t Material) | ~ 2,0 | ~ 10–17 (EU-Durchschnitt bis Deutschland) |
| Nach Recyclingzyklen (t CO₂-Äqu. pro t Material) | < 1,0 | Je nach Post-Consumer-Anteil 0–5 |
| Globale Recyclingquote | > 90 % (Bau/Industrie); Edelstahl > 90 % | ~ 96 % Bau, aber Post-Consumer-Anteil real ~ 30 % |
| Materialverlust beim Recycling | Sehr gering | Durchschn. 4–5 %, bei empfindlichen Legierungen bis 25 % |
| Reparierbarkeit Büromöbel | Hoch — Türen, Schubladen, Schlösser austauschbar | Mittel — Profile schwieriger einzeln zu ersetzen |
| Typische Nutzungsdauer in Büro/Archiv | 20 Jahre und mehr (Archivpraxis) | 10–15 Jahre (häufig designgetrieben ausgetauscht) |
| EPD-Verfügbarkeit deutscher Hersteller | Weit verbreitet (DIN EN 15804) | Teils verfügbar, stark vom Lieferanten abhängig |
Die 15-Jahre-Modellrechnung
Ein konkretes Beispiel hilft beim Einordnen. Angenommen, eine mittelgroße Verwaltung beschafft für eine Archiverweiterung zwanzig Schrankeinheiten à rund 120 Kilogramm. Das sind zusammen 2,4 Tonnen Material.
Bei einer Stahlausführung mit einem realistischen Sekundäranteil der deutschen Elektrostahlindustrie und einer angenommenen Nutzungsdauer von 25 Jahren landet man grob bei rund drei bis vier Tonnen CO₂-Äquivalenten über den gesamten Lebenszyklus — je nach Produktionsstandort und Strommix des Herstellers. Bei einer vergleichbaren Aluminiumausführung aus Mischmaterial mit geringem Post-Consumer-Anteil und einer Nutzungsdauer von 15 Jahren steigt die Zahl auf das Drei- bis Fünffache. Für eine Organisation mit jährlich rund 500 Tonnen CO₂-Scope-3-Emissionen ist das keine Randnotiz mehr, sondern ein berichtsfähiger Posten im ESRS-E1-Bericht.
Diese Größenordnungen sind Näherungen — präzise Werte liefert nur die EPD des jeweiligen Produkts. Der wichtige Punkt ist die Robustheit des Ergebnisses: Selbst bei ungünstigen Annahmen für Stahl und günstigen für Aluminium schneidet Stahl in der 15- bis 25-Jahre-Betrachtung günstiger ab.
Wo Aluminium seine Berechtigung behält
Damit das Bild nicht einseitig wird: Aluminium ist in bestimmten Büroanwendungen weiterhin die technisch bessere Wahl. Leichte Trennwandsysteme, mobile Präsentationselemente und Möbel mit hoher Transporthäufigkeit profitieren von dem geringeren Gewicht. Auch in Räumen mit hohen Anforderungen an Korrosionsbeständigkeit unter aggressiven Umgebungsbedingungen — etwa in bestimmten Laborsituationen — ist Aluminium eine seriöse Option. Der Punkt ist nicht, Aluminium aus dem Büro zu verbannen, sondern die Materialwahl nicht aus Gewohnheit oder Designvorliebe zu treffen, sondern aus der Nutzungslogik heraus.
Für Arbeitsplatzschränke, Archivsysteme, Rollregalanlagen, Spindsysteme und Container, die über eineinhalb Jahrzehnte oder länger am selben Platz stehen, ist Stahl nach heutigem Datenstand die Materialentscheidung mit der robustesten Klimabilanz. Und sie ist auch die Entscheidung, die sich im CSRD-Bericht mit den transparentesten Zahlen untermauern lässt.
Fazit und Checkliste für den Einkauf
Die CSRD verändert die Logik der Möbelbeschaffung, ohne dass man es zunächst bemerkt. Jede Bestellung wandert — in konsolidierter Form — in den Nachhaltigkeitsbericht, und im Zweifel wird der Wirtschaftsprüfer nicht das Marketingmaterial, sondern die EPD sehen wollen. Für Einkäufer, die heute Büromöbel für die nächsten anderthalb Jahrzehnte bestellen, lässt sich die Lage auf eine einfache Leitfrage reduzieren: Welches Material liefert mir in 15 Jahren die bessere Bilanz — mit dokumentierbaren, primären Daten?
Kurz-Checkliste für die CSRD-taugliche Möbelbeschaffung: EPD nach DIN EN 15804 vom Hersteller anfordern · Materialherkunft (Stahl-Sekundäranteil bzw. Aluminium-Energieherkunft) dokumentieren lassen · Reparaturfähigkeit und Ersatzteilverfügbarkeit in die Ausschreibung aufnehmen · Typische Nutzungsdauer in Jahren als Ausschreibungskriterium definieren · Rücknahme- und Recyclingprogramm des Herstellers prüfen · Bei Stahlmöbeln nach dem Anteil aus Elektrostahl und der Herkunft fragen · Bei Aluminiummöbeln nach dem Post-Consumer-Anteil (nicht nur „Recyclinganteil") fragen · Product Carbon Footprint nach ISO 14067 verlangen, wenn keine vollständige EPD verfügbar ist.