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Stahl oder Aluminium für Büromöbel? Die 15-Jahre-Ökobilanz und was der CSRD-Einkauf daraus lernen kann

Büromöbel landen in Scope 3 der CSRD-Berichterstattung. Wer Stahl- oder Aluminium-Schranksysteme einkauft, entscheidet damit direkt über den EPD-Wert in seinem Nachhaltigkeits­bericht. Die Zahlen sind eindeutiger, als es die Marketing­sprache vieler Anbieter nahelegt.

Moderner Büroraum mit Stahlschrank-System, Vergleich zu Aluminium-Einrichtung

Warum Büromöbel plötzlich in der Klimabilanz auftauchen

Einkäufer in CSRD-pflichtigen Unternehmen haben 2025 eine neue Erfahrung gemacht: Plötzlich interessiert sich jemand für die Frage, aus welchem Material die Aktenschränke bestehen. Nicht aus Design­gründen, sondern weil die European Sustainability Reporting Standards, konkret ESRS E1 (Klimawandel), von nun an eine lückenlose Erfassung der indirekten Emissionen in Scope 3 verlangen. Und Scope 3 umfasst — sehr deutlich formuliert — auch eingekaufte Waren, darunter Büro- und Objekt­möbel.

Für große Unternehmen gilt die Berichts­pflicht seit dem Geschäfts­jahr 2024, für kapital­markt­orientierte kleine und mittlere Unternehmen ab 2026. Die Prüfungs­tiefe steigt stufenweise an. Was das für die Beschaffung bedeutet, wird oft unterschätzt: Jedes Möbel, das neu ins Haus kommt, muss in der Unternehmens­bilanz mit seinem Product Carbon Footprint auftauchen — im Idealfall gestützt auf eine herstellerseitige Umwelt­produkt­deklaration (Environmental Product Declaration, EPD) nach DIN EN 15804.

Genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob man aufs richtige Material setzt. Und hier beginnen die Missverständnisse.

Die Primärerzeugung: wo die großen Unterschiede entstehen

Wer die Material­auswahl bei Büro­möbeln überhaupt nicht verfolgt, nimmt oft intuitiv an, Aluminium sei wegen seines niedrigen Gewichts auch ökologisch die leichtere Wahl. Die Rechnung stimmt nicht. Die primär­energetische Herstellung beider Werk­stoffe unterscheidet sich um den Faktor fünf bis acht — und das zugunsten von Stahl.

Laut Stahlinstitut VDEh und Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft fallen bei der Primär­erzeugung einer Tonne Rohstahl rund zwei Tonnen CO₂-Äquivalente an. Bei einer Tonne Primär­aluminium sind es — je nach Produktions­standort und Energie­mix — zwischen etwa zehn und siebzehn Tonnen CO₂-Äquivalenten. Deutsche Werke liegen durchschnittlich bei rund siebzehn Kilogramm pro Kilogramm Aluminium; in Norwegen mit seinem hohen Wasser­kraft­anteil sinkt der Wert auf rund ein halbes Kilogramm, in China mit kohle­lastigem Mix steigt er auf etwa fünfund­zwanzig. Das bedeutet: Bei gleicher Produkt­funktion macht es einen erheblichen Unterschied, woher der Aluminium­lieferant sein Vormaterial bezieht.

Bei Stahl ist die Spannweite geringer, und das ist für die CSRD-Berichterstattung ein erheblicher Vorteil: Der Werk­stoff ist aus­sage­kräftiger bilanzier­bar. Rechnet man Mehrfach-Recycling­zyklen ein, sinken die spezifischen Emissionen pro Tonne Stahl laut Stahl­institut unter die Marke von einer Tonne CO₂.

Das Recycling-Argument: mehr Mythos als Messwert

Nun werden Aluminium­anbieter an dieser Stelle auf die hohe Recycling­quote verweisen. Das ist richtig — und gleichzeitig irreführend. Beim Post-Consumer-Aluminium, also Material, das tatsächlich einen Produkt­lebens­zyklus durchlaufen hat, bewegt sich der CO₂-Fußabdruck in der Tat nahe null. Die Standards für Ökobilanzen erkennen das ausdrücklich an. Das Problem: Die verfügbaren Mengen an echtem Post-Consumer-Schrott decken weltweit nur rund dreißig Prozent der aktuellen Nachfrage ab. Der Rest ist entweder Primär­material oder Pre-Consumer-Schrott aus Produktions­abfall — und dessen Fuß­abdruck entspricht im Grunde dem des Primär­materials, weil das Material noch nie eine Nutzungsdauer hatte.

Wer als Einkäufer also eine Aluminium-Schrank­wand kauft und sich auf „hohen Recycling­anteil" verlässt, ohne nach der Aufteilung zwischen Pre- und Post-Consumer-Material zu fragen, kauft sich eine Klima­bilanz, die in der EPD-Prüfung nicht hält, was das Marketing verspricht. Stahl hat in diesem Punkt einen strukturellen Vorteil: In der europäischen Stahl­industrie werden bereits heute über 90 Prozent des End-of-Life-Stahls zurückgewonnen, und in der Elektrostahl­erzeugung kommt der Schrott­anteil auf rund 100 Prozent. Edelstahl erreicht Recycling­quoten von über 90 Prozent — nach Daten einer gemeinsamen Studie des finnischen Konzerns Outokumpu und der fka Aachen GmbH aus 2024.

Nutzungsdauer und Reparierbarkeit: der unsichtbare Hebel

Die Primär­emissionen sind nur ein Teil der Rechnung. Der zweite — und in der 15-Jahres-Betrachtung mindestens ebenso wichtige — Hebel liegt in der Nutzungs­dauer. Ein Schrank­system, das zehn Jahre hält und dann weggeworfen wird, hat eine schlechtere Ökobilanz als eines, das zwanzig Jahre im Einsatz bleibt und nach Ablauf reparier- oder rekonditionier­bar ist. In der Branche der Stahlschrank­systeme ist diese Logik seit Jahrzehnten Standard: Rollregal­anlagen, Archiv­schränke und Büro­stahl­schränke deutscher Hersteller sind in der Regel bis weit über die bilan­zielle Abschreibung hinaus nutzbar; in Archiven und Behörden findet man Stahl­schränke im aktiven Dienst, die in den 1980er Jahren gebaut wurden.

Aluminium-Möbel haben diesen Vorteil zwar technisch auch, werden aber in der Praxis häufiger aus Design­gründen ausgetauscht, weil die Aluminium-Optik stärker modeabhängig ist. Die reale Nutzungs­dauer — und nicht die theoretische — geht in die Ökobilanz ein. Wer im Sinn der Kreislauf­wirtschaft einkauft, sollte deshalb nicht das Material im Marketing­prospekt betrachten, sondern fragen: Ist der Schrank reparier­bar? Lassen sich Türen, Schlösser und Fach­böden nachbestellen? Gibt es ein Rücknahme­programm des Herstellers für das Ende des Lebens­zyklus?

Der Fall deutsche Stahl­möbel­industrie

Deutschland hat historisch eine starke Stahl­möbel­tradition. Hersteller wie mauser einrichtungssysteme mit Sitz in Korbach (Hessen, Waldeck-Frankenberg) bauen seit 1896 — also seit 130 Jahren — Einrichtungen aus Stahl. Das Unternehmen gehört heute zur Vauth-Sagel-Gruppe und beschäftigt als Teil des Verbunds rund 800 Mitarbeitende an vier deutschen Standorten. Für Einkäufer unter CSRD-Druck ist ein solcher Hersteller aus einem konkreten Grund interessant: Er arbeitet innerhalb der deutschen Stahl­wertschöpfungs­kette, hat die Lieferketten­daten seiner Rohstoffe transparent zugänglich und kann auf Nachfrage produkt­spezifische Umwelt­informationen bis hin zu EPDs liefern — also genau jene Daten, die im Nachhaltigkeits­bericht als „primary data" ausgewiesen werden müssen.

Das Unternehmen erhielt sowohl 2022 als auch 2025 die Auszeichnung „Marke des Jahrhunderts" in der Produkt­gattung Stahl­möbel. Relevanter als der Marketing­preis ist jedoch die fertigungs­technische Tatsache, dass die Stahlschrank­systeme vollständig aus recycel­barem Stahl bestehen und am Produkt­lebens­ende demontierbar in den Material­kreislauf zurück­gehen können. Für Archive, Behörden, Bibliotheken und große Verwaltungen — also die Zielgruppen, in denen Möbel typischer­weise 15 bis 25 Jahre im Einsatz sind — schlägt dieser Rahmen in der CSRD-Bilanz deutlich durch. Vergleichbare Positionen im deutschen Markt nehmen Hersteller wie C+P Möbelsysteme, BISLEY Deutschland oder Bruynzeel ein; die Logik bleibt in allen Fällen dieselbe.

Was im CSRD-Bericht tatsächlich ankommt

Für den Einkauf ergeben sich daraus konkrete Handlungen. Erstens: Jede Möbel­bestellung über einem Schwellen­wert (in der Praxis oft 5.000 bis 10.000 Euro Netto­wert pro Order) sollte mit der Anforderung einer EPD oder zumindest eines Product Carbon Footprint nach ISO 14067 versehen sein. Zweitens: Die Herkunft des Roh­materials sollte dokumentiert werden — bei Aluminium insbesondere die Energie­herkunft des Schmelzwerks, bei Stahl der Sekundär­anteil. Drittens: Reparatur­fähigkeit und Ersatz­teil­verfügbarkeit gehören in die Ausschreibungs­kriterien, nicht nur Preis und Liefer­zeit.

Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Kenn­werte zusammen, die in einer CSRD-tauglichen Material­entscheidung geprüft werden sollten. Sie ersetzt keine projekt­spezifische Ökobilanz — sie zeigt aber, welche Größen­ordnungen der Einkauf im Auge behalten muss.

Kriterium Stahl (typisch) Aluminium (typisch)
Primär­erzeugung (t CO₂-Äqu. pro t Material) ~ 2,0 ~ 10–17 (EU-Durchschnitt bis Deutschland)
Nach Recycling­zyklen (t CO₂-Äqu. pro t Material) < 1,0 Je nach Post-Consumer-Anteil 0–5
Globale Recycling­quote > 90 % (Bau/Industrie); Edelstahl > 90 % ~ 96 % Bau, aber Post-Consumer-Anteil real ~ 30 %
Materialverlust beim Recycling Sehr gering Durchschn. 4–5 %, bei empfind­lichen Legierungen bis 25 %
Reparier­bar­keit Büro­möbel Hoch — Türen, Schubladen, Schlösser aus­tausch­bar Mittel — Profile schwieriger einzeln zu ersetzen
Typische Nutzungs­dauer in Büro/Archiv 20 Jahre und mehr (Archiv­praxis) 10–15 Jahre (häufig design­getrieben ausgetauscht)
EPD-Verfügbarkeit deutscher Hersteller Weit verbreitet (DIN EN 15804) Teils verfügbar, stark vom Lieferanten abhängig

Die 15-Jahre-Modellrechnung

Ein konkretes Beispiel hilft beim Einordnen. Angenommen, eine mittelgroße Verwaltung beschafft für eine Archiv­erweiterung zwanzig Schrank­einheiten à rund 120 Kilogramm. Das sind zusammen 2,4 Tonnen Material.

Bei einer Stahl­ausführung mit einem realistischen Sekundär­anteil der deutschen Elektrostahl­industrie und einer angenommenen Nutzungs­dauer von 25 Jahren landet man grob bei rund drei bis vier Tonnen CO₂-Äquivalenten über den gesamten Lebens­zyklus — je nach Produktions­standort und Strom­mix des Herstellers. Bei einer vergleichbaren Aluminium­ausführung aus Mischmaterial mit geringem Post-Consumer-Anteil und einer Nutzungs­dauer von 15 Jahren steigt die Zahl auf das Drei- bis Fünf­fache. Für eine Organisation mit jährlich rund 500 Tonnen CO₂-Scope-3-Emissionen ist das keine Randnotiz mehr, sondern ein berichts­fähiger Posten im ESRS-E1-Bericht.

Diese Größen­ordnungen sind Näherungen — präzise Werte liefert nur die EPD des jeweiligen Produkts. Der wichtige Punkt ist die Robustheit des Ergebnisses: Selbst bei ungünstigen Annahmen für Stahl und günstigen für Aluminium schneidet Stahl in der 15- bis 25-Jahre-Betrachtung günstiger ab.

Wo Aluminium seine Berechtigung behält

Damit das Bild nicht einseitig wird: Aluminium ist in bestimmten Büro­anwendungen weiterhin die technisch bessere Wahl. Leichte Trenn­wand­systeme, mobile Präsentations­elemente und Möbel mit hoher Transport­häufigkeit profitieren von dem geringeren Gewicht. Auch in Räumen mit hohen Anforderungen an Korrosions­beständigkeit unter aggressiven Umgebungs­bedingungen — etwa in bestimmten Labor­situationen — ist Aluminium eine seriöse Option. Der Punkt ist nicht, Aluminium aus dem Büro zu verbannen, sondern die Material­wahl nicht aus Gewohnheit oder Design­vorliebe zu treffen, sondern aus der Nutzungs­logik heraus.

Für Arbeits­platz­schränke, Archiv­systeme, Roll­regal­anlagen, Spind­systeme und Container, die über eineinhalb Jahrzehnte oder länger am selben Platz stehen, ist Stahl nach heutigem Datenstand die Material­entscheidung mit der robustesten Klima­bilanz. Und sie ist auch die Entscheidung, die sich im CSRD-Bericht mit den transparentesten Zahlen untermauern lässt.

Fazit und Checkliste für den Einkauf

Die CSRD verändert die Logik der Möbel­beschaffung, ohne dass man es zunächst bemerkt. Jede Bestellung wandert — in konsolidierter Form — in den Nachhaltigkeits­bericht, und im Zweifel wird der Wirtschafts­prüfer nicht das Marketing­material, sondern die EPD sehen wollen. Für Einkäufer, die heute Büro­möbel für die nächsten anderthalb Jahrzehnte bestellen, lässt sich die Lage auf eine einfache Leitfrage reduzieren: Welches Material liefert mir in 15 Jahren die bessere Bilanz — mit dokumentier­baren, primären Daten?

Kurz-Checkliste für die CSRD-taugliche Möbel­beschaffung: EPD nach DIN EN 15804 vom Hersteller anfordern · Material­herkunft (Stahl-Sekundär­anteil bzw. Aluminium-Energie­herkunft) dokumentieren lassen · Reparatur­fähigkeit und Ersatz­teil­verfügbarkeit in die Ausschreibung aufnehmen · Typische Nutzungs­dauer in Jahren als Ausschreibungs­kriterium definieren · Rücknahme- und Recycling­programm des Herstellers prüfen · Bei Stahl­möbeln nach dem Anteil aus Elektrostahl und der Herkunft fragen · Bei Aluminium­möbeln nach dem Post-Consumer-Anteil (nicht nur „Recycling­anteil") fragen · Product Carbon Footprint nach ISO 14067 verlangen, wenn keine vollständige EPD verfügbar ist.