Die Ausgangslage: Deutschland auf Platz drei
Im zweiten Halbjahr 2025 kostete eine Kilowattstunde Strom für gewerbliche Abnehmer in Deutschland 22,64 Cent, in der Notation von Eurostat sind das 22,64 Euro je 100 Kilowattstunden. Damit belegte Deutschland nach Angaben des europäischen Statistikamts Eurostat den dritten Platz unter allen EU-Mitgliedstaaten. Nur in Irland mit 25,52 Cent und in Zypern mit 24,29 Cent war Strom für Unternehmen noch teurer.
Die Zahlen beziehen sich auf Abnehmer mit einem Jahresverbrauch zwischen 500 und 2.000 Megawattstunden. Das ist genau die Größenordnung, in der sich viele mittelständische Produktionsbetriebe, größere Werkstätten und Logistikzentren bewegen. Es handelt sich also nicht um eine Statistik für Großkonzerne mit Sonderkonditionen, sondern um den Bereich, der für den industriellen Mittelstand repräsentativ ist.
Der EU-Durchschnitt lag im selben Zeitraum bei 18,37 Cent je Kilowattstunde. Deutschland liegt damit rund 23 Prozent über dem europäischen Mittel. Noch deutlicher wird der Abstand im Vergleich zu den günstigsten Ländern: In Finnland kostete die Kilowattstunde 7,48 Cent, in Schweden 9,70 Cent. Ein deutscher Betrieb zahlt also gut das Dreifache dessen, was ein finnisches Unternehmen für dieselbe Strommenge aufwenden muss.
Der EU-Vergleich in Zahlen
Die folgende Übersicht zeigt die Bandbreite der Industriestrompreise im zweiten Halbjahr 2025 für die Verbrauchsklasse zwischen 500 und 2.000 Megawattstunden, jeweils ohne Mehrwertsteuer.
| Land | Strompreis (Cent/kWh, 2. Halbjahr 2025) |
|---|---|
| Irland | 25,52 |
| Zypern | 24,29 |
| Deutschland | 22,64 |
| EU-Durchschnitt | 18,37 |
| Schweden | 9,70 |
| Finnland | 7,48 |
Die Spreizung innerhalb der EU ist erheblich. Zwischen dem günstigsten und dem teuersten Mitgliedstaat liegt mehr als das Dreifache. Für energieintensive Betriebe ist das ein gewichtiger Faktor, der über Standortentscheidungen mitentscheidet. Wer in der Metallverarbeitung, in der Kunststoffproduktion oder im Betrieb großer Kühl- und Drucklufterzeuger tätig ist, spürt diesen Unterschied in der Kalkulation jedes einzelnen Auftrags.
Die Entwicklung seit der Energiekrise
Der EU-Durchschnitt der Industriestrompreise bewegt sich seit dem Höhepunkt der Energiekrise in einem leichten Abwärtstrend. Die folgende Reihe zeigt die Entwicklung des europäischen Mittelwerts seit dem ersten Halbjahr 2023.
| Zeitraum | EU-Durchschnitt (Cent/kWh) |
|---|---|
| 1. Halbjahr 2023 | 21,51 |
| 2. Halbjahr 2023 | 20,03 |
| 1. Halbjahr 2024 | 18,85 |
| 2. Halbjahr 2024 | 19,41 |
| 1. Halbjahr 2025 | 19,03 |
| 2. Halbjahr 2025 | 18,37 |
Der europäische Durchschnitt ist also von 21,51 Cent im ersten Halbjahr 2023 auf 18,37 Cent im zweiten Halbjahr 2025 gesunken. Insgesamt gaben die Preise für gewerbliche Abnehmer im zweiten Halbjahr 2025 gegenüber dem ersten Halbjahr um 3,5 Prozent nach. Die Entspannung ist real, aber sie verläuft langsam und sie verläuft ungleich. Genau hier liegt das eigentliche Problem für den Standort Deutschland.
Hinter dem langsamen Rückgang steht ein struktureller Zusammenhang. Der Strompreis am Großhandelsmarkt wird in Stunden hoher Nachfrage häufig vom teuersten benötigten Kraftwerk bestimmt, und das ist in vielen Fällen ein Gaskraftwerk. Solange Erdgas teuer ist, bleibt auch der Strompreis erhöht. Mit der Normalisierung der Gaspreise nach dem Höhepunkt der Energiekrise hat sich diese Kopplung etwas gelockert, weshalb die Strompreise insgesamt nachgaben. Länder mit einem hohen Anteil günstiger Erzeugung, etwa aus Wasserkraft in Skandinavien oder aus Kernkraft in Frankreich, profitieren davon stärker. Deutschland mit seinem Strommix und seiner Abgabenstruktur kommt langsamer voran. Das erklärt, warum der deutsche Wert trotz sinkender Großhandelspreise so hoch bleibt.
Wer profitiert, wer nicht: die Preisbewegung 2024 bis 2025
Im zweiten Halbjahr 2025 sanken die Industriestrompreise in 18 EU-Ländern gegenüber dem Vorjahreszeitraum. In fünf Ländern stiegen sie, in vier blieben sie nahezu unverändert. Entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit ist, dass einige direkte Konkurrenten Deutschlands deutlich entlastet wurden, während Deutschland kaum profitierte.
| Land | Veränderung 2. Halbjahr 2025 zum Vorjahr (Landeswährung) |
|---|---|
| Slowenien | -16,6 % |
| Luxemburg | -15,8 % |
| Frankreich | -14,1 % |
| Rumänien | +15,4 % |
| Schweden | +9,4 % |
| Bulgarien | +6,8 % |
Besonders aufschlussreich ist der Blick nach Frankreich. Der dortige Rückgang um 14,1 Prozent verschärft den Abstand zu Deutschland zusätzlich, denn Frankreich ist ein unmittelbarer Wettbewerber in vielen Industriezweigen. Wenn ein französischer Hersteller seine Energiekosten spürbar senkt, ein deutscher aber nicht, verschiebt sich das Verhältnis der Stückkosten zugunsten des Wettbewerbers. Schweden zeigt den umgekehrten Fall: Trotz eines Anstiegs um 9,4 Prozent liegt das Preisniveau dort mit 9,70 Cent weiterhin weit unter dem deutschen.
Woraus sich der Strompreis zusammensetzt
Der Endpreis für gewerblichen Strom besteht aus mehreren Bausteinen: dem reinen Energiepreis für Erzeugung und Beschaffung, den Netzentgelten für Transport und Verteilung sowie den nicht erstattungsfähigen Steuern und Abgaben. Eurostat weist diese Komponenten getrennt aus. Für die Einordnung des deutschen Werts ist das wichtig, weil der hohe Endpreis nicht allein auf den Börsenpreis für Strom zurückgeht.
Ein erheblicher Teil der Belastung entfällt auf Netzentgelte und auf staatlich veranlasste Bestandteile. Das hat eine praktische Konsequenz: Selbst wenn der reine Beschaffungspreis am Markt sinkt, kann der Endpreis hoch bleiben, weil die übrigen Bestandteile stabil oder steigend sind. Diese Mechanik erklärt, warum die Entlastung in Deutschland langsamer ankommt als in Ländern mit niedrigerer Abgabenlast oder günstigerer Erzeugungsstruktur.
Für den einzelnen Betrieb folgt daraus eine nüchterne Erkenntnis: Auf den Marktpreis und die Abgabenstruktur hat er keinen Einfluss. Beeinflussbar ist allein der eigene Verbrauch und der Zeitpunkt, zu dem er Strom bezieht. Genau dort setzen die wirksamen Maßnahmen an.
Ein zweiter Punkt verdient Beachtung: Der Preis hängt stark von der Abnahmemenge ab. Größere Verbraucher zahlen in der Regel weniger je Kilowattstunde als kleinere, weil sich Beschaffung und Netznutzung bei höheren Mengen günstiger gestalten. Die hier betrachtete Klasse zwischen 500 und 2.000 Megawattstunden bildet den industriellen Mittelstand ab. Ein kleiner Handwerksbetrieb mit wenigen Megawattstunden Jahresverbrauch zahlt tendenziell mehr, ein sehr großer Verbraucher mit eigenem Mittelspannungsanschluss tendenziell weniger. Wer seinen eigenen Arbeitspreis einordnen will, sollte deshalb die passende Verbrauchsklasse zum Vergleich heranziehen und nicht den allgemeinen Durchschnittswert.
Gas als zweite Kostenfront
Strom ist nicht der einzige Energieträger, bei dem sich die Lage im zweiten Halbjahr 2025 bewegt hat. Die Preise für Erdgas für gewerbliche Abnehmer gingen EU-weit um 8,3 Prozent zurück, wie eine parallele Eurostat-Auswertung zeigt. Für Betriebe mit gasbasierter Prozesswärme oder Hallenheizung ist das eine Entlastung. Sie ändert jedoch nichts an der grundsätzlichen Konstellation: Wer im internationalen Wettbewerb steht, vergleicht seine gesamten Energiekosten mit denen ausländischer Wettbewerber, und in dieser Gesamtrechnung bleibt der Strompreis der kritische Posten.
Bemerkenswert ist die innerdeutsche Entwicklung. Die deutschen Strompreise auf der Erzeugerstufe sind im Jahresvergleich gesunken, nach Daten des Statistischen Bundesamts um 4,7 Prozent im April 2026 gegenüber dem Vorjahr. Der Rückgang findet also statt, aber er beginnt von einem sehr hohen Niveau aus. Die deutsche Industrie holt damit nicht auf, sie bleibt nur nicht weiter zurück.
Was der Standortnachteil konkret bedeutet
Um den Kostenunterschied greifbar zu machen, hilft eine einfache Beispielrechnung. Sie dient der Veranschaulichung und ersetzt keine individuelle Kalkulation, weil die tatsächlichen Konditionen vom konkreten Liefervertrag abhängen.
Ein Betrieb mit einem Jahresverbrauch von 1.000 Megawattstunden, also einer Gigawattstunde, liegt genau in der von Eurostat betrachteten Verbrauchsklasse. Bei einem Preis von 22,64 Cent statt des EU-Durchschnitts von 18,37 Cent zahlt dieser Betrieb je Kilowattstunde 4,27 Cent mehr. Auf eine Gigawattstunde hochgerechnet sind das rund 42.700 Euro Mehrkosten pro Jahr allein gegenüber dem europäischen Mittel. Im Vergleich zum finnischen Preisniveau von 7,48 Cent beträgt der Unterschied sogar gut 15 Cent je Kilowattstunde, was bei einer Gigawattstunde einer Differenz von etwa 151.600 Euro jährlich entspricht.
Diese Summen sind keine theoretische Größe. Sie entsprechen der Lohnsumme mehrerer Mitarbeiter oder dem Investitionsbudget für eine neue Maschine. Für Betriebe, die im Preiswettbewerb mit ausländischen Anbietern stehen, kann ein solcher Kostenblock den Unterschied zwischen einem gewonnenen und einem verlorenen Auftrag ausmachen. Das ist der Grund, warum der Industriestrompreis in der wirtschaftspolitischen Debatte eine so große Rolle spielt.
Wie stark ein Betrieb betroffen ist, hängt von der Stromintensität seiner Fertigung ab. Besonders belastet sind Branchen mit hohem Dauerverbrauch, etwa die Herstellung von Metallerzeugnissen mit Schmelz- und Galvanikprozessen, die Kunststoffverarbeitung mit beheizten Spritzgussmaschinen, die Kälte- und Tiefkühllogistik sowie alle Betriebe mit großen Drucklufterzeugern. Für diese Unternehmen ist Strom ein wesentlicher Kostenfaktor, der direkt in den Stückpreis einfließt. Weniger betroffen sind Betriebe mit überwiegend manueller Fertigung oder geringem Maschineneinsatz. Der erste Schritt jeder Bewertung ist daher die ehrliche Frage, welchen Anteil die Stromkosten an den eigenen Gesamtkosten tatsächlich haben. Erst diese Kennzahl zeigt, wie dringend das Thema für den einzelnen Betrieb ist.
Ansatzpunkte im eigenen Betrieb
Da der Marktpreis und die Abgabenstruktur nicht im Einflussbereich des einzelnen Betriebs liegen, konzentrieren sich die wirksamen Maßnahmen auf den eigenen Verbrauch. Hier liegt der entscheidende Unterschied: Eine Senkung des Verbrauchs um zehn Prozent wirkt unabhängig vom Strompreis und summiert sich bei hohen Preisen zu einem umso größeren Betrag.
Mehrere Bereiche bieten in der Praxis das größte Potenzial. Die Umrüstung der Hallenbeleuchtung auf LED senkt den Beleuchtungsverbrauch oft um mehr als die Hälfte, wie der Beitrag zur LED-Hallenbeleuchtung mit Energiedaten und Förderung zeigt. Druckluft ist in vielen Betrieben der größte einzelne Stromverbraucher und zugleich der mit den höchsten Verlusten, weshalb ein systematisches Vorgehen gegen Leckagen besonders lohnend ist. Der Beitrag zum Druckluft-Audit nach ISO 11011 beschreibt das Verfahren im Detail.
Hinzu kommen weitere Hebel: die Abwärmenutzung aus Kompressoren und Produktionsprozessen, die Umstellung von dieselbetriebenen auf elektrische Flurförderzeuge, sofern der niedrigere Strompreis gegenüber dem Kraftstoff den Ausschlag gibt, sowie ein bewusstes Lastmanagement, das verbrauchsintensive Prozesse in Zeiten günstigerer Tarife verlagert. Wer eine eigene Photovoltaikanlage auf Hallen- oder Lagerdächern betreibt, reduziert den Netzbezug zusätzlich und macht sich ein Stück weit unabhängig von der Preisentwicklung am Markt.
Entscheidend ist die Reihenfolge. Zuerst sollte der Verbrauch transparent gemacht werden, etwa durch ein einfaches Energiemonitoring, das die größten Verbraucher identifiziert. Erst danach lässt sich beurteilen, welche Investition die kürzeste Amortisationszeit hat. Bei einem Strompreis von über 22 Cent je Kilowattstunde rechnen sich Effizienzmaßnahmen deutlich schneller als bei den niedrigen Preisen vergangener Jahre.
Dieser Zusammenhang verdient eine genauere Betrachtung, weil er die Investitionslogik umkehrt. Bei einem niedrigen Strompreis spart eine eingesparte Kilowattstunde wenig Geld, weshalb sich eine Investition erst nach vielen Jahren rechnet. Bei einem hohen Preis ist dieselbe eingesparte Kilowattstunde mehr wert, sodass die Amortisationszeit sinkt. Eine Maßnahme, die sich bei 10 Cent je Kilowattstunde erst nach acht Jahren rechnet, kann bei 22 Cent bereits nach knapp vier Jahren wirtschaftlich sein. Der hohe deutsche Strompreis ist für laufende Kosten eine Last, für Effizienzinvestitionen aber ein Beschleuniger. Wer diese Logik versteht, betrachtet die nächste Modernisierung der Beleuchtung, der Druckluft oder der Antriebstechnik nicht als Ausgabe, sondern als Investition mit kalkulierbarer Rendite.
Ebenso wichtig ist die regelmäßige Erfolgskontrolle. Eine Effizienzmaßnahme entfaltet ihren Nutzen nur, wenn die Einsparung tatsächlich eintritt und dauerhaft erhalten bleibt. Ein fortlaufendes Energiemonitoring zeigt, ob der erwartete Effekt eingetreten ist, und deckt zugleich neue Verbrauchsspitzen auf, etwa durch alternde Anlagen oder veränderte Betriebsabläufe. So wird aus einer einmaligen Maßnahme ein dauerhafter Prozess der Kostensenkung.
Beschaffungsstrategien für Strom
Neben dem sparsameren Verbrauch ist die Art der Strombeschaffung der zweite Hebel, der im Einflussbereich des Betriebs liegt. Anders als beim physikalischen Verbrauch geht es hier um die Frage, zu welchen Konditionen und über welches Vertragsmodell der Strom eingekauft wird. Für den industriellen Mittelstand sind vor allem drei Ansätze relevant.
Das verbreitetste Modell ist der Festpreisvertrag mit fester Laufzeit. Er bietet Planungssicherheit, weil der Arbeitspreis über die Vertragsdauer feststeht. Der Nachteil ist, dass der Betrieb von fallenden Marktpreisen während der Laufzeit nicht profitiert. Wer einen solchen Vertrag abschließt, sollte den Zeitpunkt bewusst wählen und nicht in einer Phase hoher Marktpreise langfristig binden. Eine Alternative ist die Tranchenbeschaffung, bei der die benötigte Strommenge in mehreren Schritten über einen längeren Zeitraum eingekauft wird. Damit verteilt der Betrieb das Risiko, zum falschen Zeitpunkt einzukaufen, auf mehrere Termine und glättet den Durchschnittspreis.
Für größere Verbraucher kommen langfristige Lieferverträge mit Erzeugern erneuerbarer Energie in Betracht, sogenannte Power Purchase Agreements. Sie sichern über viele Jahre einen kalkulierbaren Preis und koppeln den Betrieb teilweise von der kurzfristigen Marktentwicklung ab. Kleinere Betriebe können sich zu Einkaufsgemeinschaften zusammenschließen, um durch gebündelte Mengen bessere Konditionen zu erzielen. In jedem Fall lohnt sich die genaue Kenntnis des eigenen Lastgangs, also des zeitlichen Verlaufs des Verbrauchs über den Tag. Ein gleichmäßiger Verbrauch lässt sich günstiger beschaffen als ein stark schwankender mit hohen Lastspitzen, denn diese Spitzen treiben sowohl den Beschaffungspreis als auch die Netzentgelte.
Unabhängig vom gewählten Modell sollte die anstehende Vertragsverlängerung rechtzeitig vorbereitet werden. Wer erst kurz vor Ablauf des Liefervertrags aktiv wird, gerät unter Zeitdruck und verschenkt Verhandlungsspielraum. Sinnvoll ist es, mehrere Monate vor dem Auslaufen Angebote einzuholen, die eigene Verbrauchsentwicklung zu dokumentieren und den Beschaffungszeitpunkt an der Marktlage auszurichten. Ein gut vorbereiteter Wechsel oder eine fundierte Nachverhandlung beim bestehenden Versorger kann den Arbeitspreis spürbar beeinflussen, gerade in einem Marktumfeld mit fallenden Großhandelspreisen. Der Einkauf sollte den Strombezug deshalb mit derselben Sorgfalt behandeln wie die Beschaffung wichtiger Rohstoffe.
Standortdebatte: bleiben oder verlagern?
Die wachsende Preisdifferenz zu einzelnen Nachbarländern führt in manchen Betrieben zu der grundsätzlichen Frage, ob sich energieintensive Fertigungsschritte am deutschen Standort noch rechnen. Der Rückgang der französischen Industriestrompreise um 14,1 Prozent bei gleichzeitig kaum verändertem deutschen Niveau ist ein Beispiel, das diese Überlegung befeuert.
Bei aller Berechtigung der Frage ist vor einer monokausalen Betrachtung zu warnen. Der Strompreis ist ein wichtiger, aber nicht der einzige Standortfaktor. Verfügbarkeit von Fachkräften, Nähe zu Kunden und Zulieferern, Logistikanbindung, Rechts- und Planungssicherheit sowie die Qualität der Infrastruktur fließen ebenso in eine Standortentscheidung ein. Eine Verlagerung allein wegen der Energiekosten kann sich als Fehlrechnung erweisen, wenn andere Faktoren am neuen Standort schlechter ausfallen.
Sinnvoll ist eine differenzierte Betrachtung nach Fertigungsschritten. Besonders stromintensive und zugleich wenig standortgebundene Prozesse stehen anders zur Diskussion als wertschöpfungsnahe Schritte, die enge Abstimmung mit Entwicklung und Kunden erfordern. Für die meisten mittelständischen Betriebe ist die realistische Antwort nicht die Verlagerung, sondern die konsequente Senkung des eigenen Energieverbrauchs in Verbindung mit einer klugen Beschaffungsstrategie. Die Eurostat-Daten liefern dafür die nötige Faktenbasis, um die eigene Position nicht nach Gefühl, sondern nach Zahlen zu bewerten.
Handlungsempfehlungen für Betriebe
Checkliste: Strategie gegen hohe Industriestrompreise
✔ Eigenen Preis einordnen: Vergleichen Sie Ihren tatsächlichen Arbeitspreis mit dem EU-Durchschnitt von 18,37 Cent und dem deutschen Wert von 22,64 Cent je Kilowattstunde, um die eigene Position zu kennen.
✔ Verbrauch transparent machen: Größte Stromverbraucher per Energiemonitoring identifizieren, bevor in einzelne Maßnahmen investiert wird.
✔ Beleuchtung prüfen: LED-Umrüstung der Hallenbeleuchtung auf Einsparpotenzial und Amortisation hin bewerten.
✔ Druckluftsystem auditieren: Leckagen aufspüren und beseitigen, da hier oft der größte vermeidbare Verlust steckt.
✔ Abwärme nutzen: Wärme aus Kompressoren und Prozessen für Heizung oder Warmwasser einbinden.
✔ Lastmanagement einführen: Verbrauchsintensive Prozesse in Zeiten günstigerer Tarife verlagern, soweit der Betriebsablauf es zulässt.
✔ Eigenerzeugung prüfen: Photovoltaik auf Hallen- und Lagerdächern auf Wirtschaftlichkeit prüfen, um den Netzbezug zu senken.
✔ Wettbewerber im Blick behalten: Bei stark sinkenden Preisen in Nachbarländern die eigene Kalkulation gegen die internationale Konkurrenz spiegeln.
Fazit: Der Abstand bleibt, der Handlungsspielraum auch
Die Eurostat-Daten für das zweite Halbjahr 2025 bestätigen, was viele Betriebe längst spüren. Mit 22,64 Cent je Kilowattstunde gehört Deutschland zu den drei teuersten Strommärkten der EU, liegt rund 23 Prozent über dem Durchschnitt und um ein Vielfaches über den günstigsten Ländern. Während Wettbewerber wie Frankreich spürbar entlastet wurden, bewegte sich Deutschland kaum. Der Standortnachteil lässt sich damit klar beziffern.
Auf die großen Stellschrauben, also Marktpreis, Netzentgelte und Abgaben, hat der einzelne Betrieb keinen Einfluss. Umso wichtiger ist der Bereich, der im eigenen Haus liegt. Jede eingesparte Kilowattstunde ist bei einem Preis von über 22 Cent besonders viel wert. Effizienzmaßnahmen, die sich vor wenigen Jahren erst nach langer Zeit rechneten, amortisieren sich heute deutlich schneller. Der hohe Strompreis ist für deutsche Betriebe eine dauerhafte Belastung, aber er erhöht zugleich die Rendite jeder sinnvollen Investition in die eigene Energieeffizienz.