Lager

Fachkräftemangel im Lager: Personal finden, binden und durch Technik entlasten

Über 60.000 unbesetzte Stellen in der Lagerlogistik, 44 Prozent der Lagermitarbeiter mit Kündigungsgedanken, und auf 100 Ausbildungsplätze zur Fachkraft für Lagerlogistik kommen nur 72 Bewerber — der Fachkräftemangel im Lager ist kein abstraktes Branchenproblem, sondern tägliche Realität in Versand, Kommissionierung und Wareneingang. Die Ursachen sind bekannt: demografischer Wandel, schlechtes Branchenimage, körperliche Belastung und Schichtarbeit. Die Lösungen erfordern ein Zusammenspiel aus intelligentem Recruiting, echter Mitarbeiterbindung und technischer Entlastung. Dieser Ratgeber zeigt, welche Maßnahmen im Mittelstand tatsächlich wirken.

Diverse Lagerteam bei der Kommissionierung mit modernen MDE-Geräten und ergonomischem Arbeitsplatz

Bestandsaufnahme: Wie ernst ist die Lage im Lager?

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Laut IAB-Statistik waren 2025 in der Lagerlogistik über 60.000 Stellen unbesetzt — ein deutlicher Anstieg gegenüber den Vorjahren. Noch dramatischer ist die Lage in der Disposition, wo laut einer DSLV-Studie 64 Prozent der befragten Speditionen offene Stellen nicht besetzen können. Auch der IT-Bereich der Logistik ist betroffen. Prognosen zur gesamtwirtschaftlichen Fachkräftelücke reichen bis in den hohen sechsstelligen Bereich — mit der Logistik als einem der am stärksten betroffenen Sektoren. Die VerkehrsRundschau-Analyse zeigt das Ausmaß des Problems über alle Logistikbereiche hinweg.

Besonders alarmierend ist die Nachwuchsgewinnung: Bei der Fachkraft für Lagerlogistik werden Jahr für Jahr deutlich weniger neue Ausbildungsverträge abgeschlossen als noch vor zehn Jahren, und zuletzt blieben rund 1.467 Ausbildungsplätze unbesetzt. Die Bundesagentur für Arbeit meldet für dieses Berufsbild: Auf 100 betriebliche Ausbildungsstellen kommen nur 72 Bewerber. Die Gründe liegen nicht nur im demografischen Wandel, sondern auch im Image der Branche: Lagerarbeit gilt vielen als körperlich belastend, schlecht bezahlt und karrieretechnisch als Sackgasse — ein Bild, das manche Betriebe durch ihre eigene Praxis leider bestätigen.

Die Auswirkungen auf den Betrieb sind konkret: Unterbesetzung führt zu Überstunden, Überstunden führen zu Erschöpfung, Erschöpfung erhöht die Fehlerquote und das Unfallrisiko — ein Teufelskreis, der die verbleibenden Mitarbeiter weiter belastet und zur Fluktuation treibt. Die Quinyx-Trendstudie „State of the Frontline Workforce" zeigt: 44 Prozent der Mitarbeiter aus Lager und Logistik haben 2023 über eine Kündigung nachgedacht. Die Hauptgründe: Stress (51 Prozent), fehlende Work-Life-Balance (31 Prozent) und das Gefühl, beruflich nicht voranzukommen (26 Prozent).

Der Blick ins Ausland zeigt: Das Problem ist nicht auf Deutschland beschränkt. In den Niederlanden wurden 2023 über 20.000 offene Stellen in der Lagerlogistik gemeldet, in Großbritannien führte der Mangel an Lager- und Fahrpersonal nach dem Brexit zeitweise zu leeren Supermarktregalen. Die Organisationsberatung Korn Ferry prognostizierte in ihrer Studie „The Global Talent Crunch" bis 2030 einen weltweiten Mangel von über 85 Millionen Arbeitskräften über alle Branchen hinweg. Der Haupttreiber in Deutschland ist der demografische Wandel: Rund ein Drittel der Beschäftigten in der Logistik ist bereits über 50 Jahre alt, und die geburtenstarken Jahrgänge gehen in den kommenden Jahren in den Ruhestand — es scheiden deutlich mehr Erwerbspersonen aus dem Arbeitsmarkt aus, als junge Kräfte nachrücken. Die Logistik trifft das besonders hart, weil sie im Wettbewerb mit attraktiveren Arbeitgebern (Industrie, Handel, öffentlicher Dienst) strukturell im Nachteil ist.

Personal finden: Recruiting-Kanäle und neue Zielgruppen

Die klassische Stellenanzeige in der Tageszeitung erreicht im Lagerbereich kaum noch Bewerber. Erfolgreiche Betriebe nutzen einen Multi-Channel-Ansatz:

Recruiting-Kanal Zielgruppe Kosten (Richtwert) Praxistipp
Social Media (Instagram, TikTok, Facebook) 18–35 Jahre, auch Quereinsteiger 200–1.000 €/Monat (Ads) Kurze Videos aus dem Lageralltag, echte Mitarbeiter als Testimonials, Einblicke in den Arbeitsplatz
Job-Plattformen (Indeed, StepStone, Jobware) Aktiv Suchende, alle Altersgruppen 500–2.000 €/Anzeige Gehalt transparent angeben (erhöht die Klickrate deutlich); Benefits konkret nennen statt Floskeln
Job-Matching-Apps (BirdieMatch, Zenjob) Flexible Kräfte, Studierende, Teilzeitler Provision bei Vermittlung Gut für Spitzen (Saisongeschäft, Black Friday); Übernahme der Besten in Festanstellung
Zeitarbeit / Personaldienstleister Sofortige Verfügbarkeit Faktor 1,8–2,5 auf Bruttolohn Puffer für Auftragsspitzen; maximale Überlassungsdauer 18 Monate; Equal Pay nach 9 Monaten (AÜG)
Kooperation mit Berufsschulen / IHK Auszubildende, 16–25 Jahre Gering (Praktika, Schnuppertage) Betriebsbesichtigungen anbieten, Azubi-Botschafter an Schulen schicken, duales Studium Logistik anbieten

Neue Zielgruppen erschließen: Nach einer Umfrage von meinestadt.de sind rund 63 Prozent der befragten Logistik-Beschäftigten überzeugt, dass Quereinsteiger aus anderen Branchen den Fachkräftemangel reduzieren können. Besonders geeignet: Mitarbeiter aus der Gastronomie (belastbar, teamfähig, Schichtarbeit gewohnt), aus dem Einzelhandel (Warenkenntnisse, Kundenkontakt) oder aus der Produktion (technisches Verständnis). Für Quereinsteiger bieten sich verkürzte Qualifizierungsprogramme an — von der vierwöchigen Basisqualifizierung (Staplerschein, Lagergrundsätze, WMS-Einführung) bis zur berufsbegleitenden Umschulung zur Fachkraft für Lagerlogistik (IHK). Auch ältere Arbeitnehmer (50+) werden oft nicht eingestellt, obwohl sie fachlich qualifiziert sind — hier liegt ungenutztes Potenzial, insbesondere für qualitätssichernde Aufgaben wie Wareneingang, Inventur und Qualitätskontrolle.

Internationale Rekrutierung gewinnt an Bedeutung: Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz (2020 eingeführt, 2023/2024 reformiert) erleichtert die Anwerbung von Lagerfachkräften aus Nicht-EU-Staaten — insbesondere die Westbalkanregelung und die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse sind für Logistikbetriebe relevant. Voraussetzung: Sprachkenntnisse mindestens A2/B1 und eine betriebliche Einarbeitung mit Paten-Modell.

Ausbildung und Employer Branding: das Nachwuchsproblem an der Wurzel packen

Wer heute nicht ausbildet, dem fehlen morgen die Fachkräfte — das ist keine Floskel, sondern die Kernbotschaft der jüngsten Ausbildungsmarktberichte. Weil bei der Fachkraft für Lagerlogistik auf 100 Ausbildungsstellen nur 72 Bewerber kommen, entscheidet zunehmend nicht der Betrieb über den Azubi, sondern der Azubi über den Betrieb. Das verlangt ein Umdenken: Ausbildungsmarketing muss dort stattfinden, wo Jugendliche sind — auf Social Media, an Schulen, auf Ausbildungsmessen und über authentische Einblicke in den Arbeitsalltag. Wirksam sind Betriebsbesichtigungen, Schnupperpraktika, Ferienjobs als Einstieg und Azubi-Botschafter, die auf Augenhöhe von ihrer Ausbildung erzählen. Ein duales Studium Logistik oder Supply Chain Management öffnet die Branche zusätzlich für leistungsstarke Schulabgänger, die sonst direkt an die Hochschule gehen würden. Entscheidend ist die ehrliche Korrektur des Images: Ein modernes, digitalisiertes Lager mit Scannern, WMS und Automatisierung hat mit dem Klischee vom „staubigen Kistenschleppen" wenig zu tun — das muss aber auch gezeigt werden.

Genauso wichtig wie das Gewinnen ist das Halten in den ersten Wochen. Ein großer Teil der frühen Fluktuation entsteht durch schlechtes Onboarding: Neue Kräfte werden ins kalte Wasser geworfen, finden sich in Prozessen und WMS nicht zurecht und fühlen sich allein gelassen. Ein strukturierter Einarbeitungsplan mit festem Paten, klaren Lernzielen für die ersten 30, 60 und 90 Tage und regelmäßigen Feedbackrunden senkt die Abbruchquote deutlich — und macht sich schnell bezahlt, weil jeder verlorene Neuzugang die teure Suche von Neuem startet.

Personal binden: Was Lagermitarbeiter wirklich hält

Recruiting ist teuer — einen neuen Lagermitarbeiter zu finden und einzuarbeiten kostet 3.000 bis 8.000 Euro (Stellenanzeige, Auswahlprozess, 4 bis 8 Wochen Einarbeitung mit reduzierter Produktivität). Mitarbeiterbindung ist daher wirtschaftlich fast immer die bessere Strategie. Die LOGISTRA-Analyse fasst die wirksamsten Gegenmaßnahmen zusammen. Fünf Hebel haben sich in der Praxis bewährt:

Faire Bezahlung: Seit dem 1. Januar 2026 liegt der gesetzliche Mindestlohn bei 13,90 Euro brutto — und in der Lagerlogistik ist er oft der tatsächliche Einstiegslohn. Das ist ein Problem, denn nah am Mindestlohn zu zahlen erzeugt Fluktuation. Betriebe, die deutlich darüber liegen — etwa 15 bis 17 Euro brutto für Lagerhelfer und 18 bis 22 Euro für Fachkräfte für Lagerlogistik —, haben nachweislich weniger Abgänge. Zusätzlich wirken leistungsbezogene Prämien (Kommissionierleistung, Fehlerfreiheit, Anwesenheitsbonus) und steuerfreie Benefits wie der Sachbezug (50 Euro/Monat steuerfrei), Jobrad, Tankgutscheine oder ÖPNV-Zuschüsse.

Flexible Arbeitszeiten und Schichtmodelle: Die Vier-Tage-Woche ist kein Luxus — der Lebensmittelhändler Tegut hat sie in seinem Logistikzentrum eingeführt und berichtet von einer verbesserten Bewerberlage. Konkret bietet Tegut die Viertagewoche als Alternative zur Fünftagewoche an, um Kommissionierer, Staplerfahrer und Kräfte im Wareneingang zu gewinnen. Auch Wahlarbeitszeit-Modelle (Mitarbeiter geben Schichtpräferenzen an, die Software optimiert den Plan) und Gleitzeitkorridore für Tagschicht-Bereiche wie Wareneingang oder Verpackung erhöhen die Zufriedenheit erheblich.

Ergonomie und Gesundheitsschutz: Die körperliche Belastung ist einer der Hauptgründe, warum Lagermitarbeiter den Beruf verlassen. Investitionen in ergonomische Arbeitsplätze zahlen sich direkt aus: höhenverstellbare Packtische (Arbeitshöhe an Person und Tätigkeit angepasst, Grundsatz nach DIN EN ISO 6385), Hebehilfen und Vakuumheber für schwere Packstücke (ab etwa 15 kg), Antiermüdungsmatten an stehenden Arbeitsplätzen und Exoskelette für repetitive Hebe- und Tragarbeiten (rund 1.000 bis 5.000 Euro pro Gerät, laut Herstellerangaben spürbar entlastend für die Lendenwirbelsäule). Dazu kommen organisatorische Maßnahmen: Job-Rotation (Wechsel zwischen Kommissionierung, Verpackung und Wareneingang im 2-Stunden-Takt) verhindert einseitige Belastung.

Qualifizierung und Aufstiegsperspektiven: Der größte Frustrationsgrund nach dem Gehalt ist das Gefühl, beruflich nicht voranzukommen. Bieten Sie konkrete Entwicklungspfade: vom Lagerhelfer zur Fachkraft für Lagerlogistik (IHK, berufsbegleitend), vom Kommissionierer zum Teamleiter (interne Führungskräfteschulung), vom Staplerfahrer zum Schichtleiter, vom Lagerfacharbeiter zum WMS-Key-User. Jede Qualifizierung erhöht die Bindung — und den Wert des Mitarbeiters für den Betrieb.

Wertschätzung und Betriebsklima: Klingt weich, wirkt hart: Ein Klima, in dem Leistung anerkannt wird, Führungskräfte zugänglich sind und Mitarbeiter bei Veränderungen einbezogen werden, senkt die Fluktuation messbar. Konkret: regelmäßige Mitarbeitergespräche (mindestens halbjährlich), transparente Kommunikation über die Unternehmensentwicklung, saubere und gut belüftete Sozialräume (Umkleiden, Duschen, Aufenthaltsraum) und ein funktionierendes Vorschlagswesen für Verbesserungsideen aus dem Tagesgeschäft. Studien zur Lagermotivation zeigen: Bei nicht-monetären Maßnahmen und guter operativer Führung wirkt Wertschätzung oft nachhaltiger als kurzfristige Geldanreize.

Durch Technik entlasten: Automatisierung als Personalstrategie

Automatisierung im Lager ist nicht der Ersatz für Mitarbeiter — sie ist die Antwort auf den Mangel an Mitarbeitern. Der Fokus liegt auf Technologien, die repetitive, körperlich belastende oder fehleranfällige Aufgaben übernehmen und den vorhandenen Mitarbeitern ermöglichen, produktiver und zufriedener zu arbeiten:

Pick-by-Voice und Pick-by-Light: Sprachgesteuerte Kommissionierung (Pick-by-Voice) ermöglicht freihändiges Arbeiten, verkürzt die Einarbeitungszeit neuer Kräfte erheblich (Tage statt Wochen) und senkt die Fehlerquote deutlich. Investition: rund 500 bis 1.500 Euro pro Arbeitsplatz. Pick-by-Light (Leuchtsignale am Regalfach) eignet sich besonders für Kleinteilelager mit hoher Pickfrequenz. Beide Systeme sind gerade bei hoher Fluktuation oder temporären Kräften wertvoll, weil sie Menschen zielsicher durch den Prozess führen.

Autonome Mobile Roboter (AMR): AMR (z. B. Locus Robotics, 6 River Systems, Magazino) fahren autonom durch das Lager und bringen die Ware zum Mitarbeiter — statt dass der Mitarbeiter zur Ware läuft. Das reduziert Laufwege typischerweise deutlich und steigert die Kommissionierleistung spürbar. Der Einstieg ist im Mietmodell (Robotics-as-a-Service) ohne hohe Anfangsinvestition möglich. Besonders wirksam ist der Ansatz beim E-Commerce-Fulfillment mit Einzelstück-Kommissionierung: Ein mittelständischer Versandhändler kann mit einer Handvoll AMR die Leistung erbringen, für die sonst mehrere zusätzliche Kommissionierer nötig wären.

Automatische Fördertechnik und Sortierung: Förderbänder, Sorter und automatische Verpackungsmaschinen übernehmen den Materialfluss zwischen den Arbeitsstationen. Der Mitarbeiter konzentriert sich auf die wertschöpfenden Aufgaben (Qualitätsprüfung, Sonderfälle, Kundenaufträge), während die Maschine den Transport erledigt. Ein automatischer Kartonaufrichter spart Arbeitszeit in der Verpackung, ein Sorter bewältigt je nach Auslegung mehrere tausend Sendungen pro Stunde — und reduziert die manuelle Handhabung pro Paket auf wenige Berührungspunkte.

Ware-zur-Person-Systeme: Automatische Kleinteilelager (AKL) und Shuttle-Systeme (z. B. AutoStore, Exotec Skypod, Dematic) lagern Kleinteile kompakt und transportieren die Behälter automatisch zum Kommissionierplatz. Der Mitarbeiter steht ergonomisch an einem festen Arbeitsplatz, statt Kilometer durch die Gänge zu laufen. Die Kommissionierleistung pro Kopf steigt dabei um ein Vielfaches gegenüber der manuellen Wegkommissionierung. Die Investition ist erheblich, amortisiert sich in Betrieben mit hohem Einzelstück-Pickaufkommen aber typischerweise über einige Jahre — vor allem, wenn die Alternative ständig steigende Zeitarbeitskosten sind.

Mobile Assistenz und Wearables: Mobile Scanner, Datenbrillen und tragbare Geräte (Wearables) vernetzen die Beschäftigten enger mit der Lager-IT und führen sie Schritt für Schritt durch die Prozesse — grafisch und, besonders wertvoll bei internationalen Teams, in der jeweiligen Landessprache. Das verkürzt die Einarbeitung, senkt Fehlgriffe und macht auch angelernte oder temporäre Kräfte schnell produktiv. Digitale Assistenzsysteme reduzieren Doppelarbeit und Stress im Alltag und erhöhen so nebenbei die Zufriedenheit — ein doppelter Gewinn aus Produktivität und Bindung.

WMS-gestützte Prozessoptimierung: Bevor in Hardware investiert wird, lohnt sich ein Blick auf die Software. Ein modernes Warehouse Management System mit intelligenter Auftragssteuerung (Wellenplanung, Wegoptimierung, Multi-Order-Picking) hebt die Produktivität der vorhandenen Mitarbeiter spürbar — ohne einen einzigen Roboter. Digitale Materialflussanalysen decken Engpässe, Doppelbewegungen und unproduktive Laufwege auf, die im Alltag oft unbemerkt bleiben. Die Investition ist vergleichsweise gering und schnell wirksam.

Die ROI-Rechnung: Unbesetzte Stellen kosten Geld — auch ohne gezahlte Gehälter. Die tatsächlichen Kosten einer unbesetzten Lagerstelle setzen sich zusammen aus Überstundenzuschlägen der verbleibenden Mitarbeiter, teureren Zeitarbeitskräften (im Schnitt 20 bis 30 Prozent höhere Kosten pro Stunde als reguläre Beschäftigte, bei Faktor 1,8 bis 2,5 auf den Bruttolohn), Produktivitätsverlust bei der Einarbeitung, erhöhter Fehlerquote und Reklamationskosten sowie der Belastung des Stammteams, die zu weiterer Fluktuation führt. In Summe kostet eine unbesetzte Lagerstelle einen Betrieb schnell mehrere Zehntausend Euro pro Jahr — ein Betrag, der jede Investition in Recruiting, Bindung und Automatisierung rechtfertigt.

Häufige Fragen zum Fachkräftemangel im Lager

Wie groß ist der Fachkräftemangel in der Lagerlogistik?

2025 waren laut IAB-Statistik über 60.000 Stellen in der Lagerlogistik unbesetzt. Auf 100 Ausbildungsplätze zur Fachkraft für Lagerlogistik kommen nur 72 Bewerber, und rund 1.467 Ausbildungsplätze blieben zuletzt frei. Der demografische Wandel verschärft die Lage weiter.

Was hält Lagermitarbeiter im Betrieb?

Vor allem faire, deutlich über dem Mindestlohn liegende Bezahlung, flexible Schichtmodelle (bis hin zur Vier-Tage-Woche), ergonomische Arbeitsplätze, klare Aufstiegspfade und ein wertschätzendes Betriebsklima. Studien zeigen, dass 44 Prozent der Beschäftigten in Lager und Logistik 2023 über eine Kündigung nachgedacht haben — Hauptgründe waren Stress, fehlende Work-Life-Balance und mangelnde Perspektive.

Lohnt sich Automatisierung nur für Großbetriebe?

Nein. Schon günstige Maßnahmen wie Pick-by-Voice, digitale Materialflussanalysen oder ein besser gesteuertes WMS entlasten das vorhandene Team spürbar. Autonome Roboter (AMR) sind im Mietmodell ohne hohe Anfangsinvestition auch für den Mittelstand zugänglich.

Sind Quereinsteiger eine echte Lösung?

Ja. Eine Mehrheit der befragten Logistik-Beschäftigten hält Quereinsteiger für einen wirksamen Hebel. Mit einer kurzen Basisqualifizierung (Staplerschein, Lagergrundlagen, WMS-Einführung) und einem Paten-Modell sind Kräfte aus Gastronomie, Einzelhandel oder Produktion schnell einsatzfähig.

Wie hoch sollte der Lagerlohn 2026 sein?

Der gesetzliche Mindestlohn liegt 2026 bei 13,90 Euro brutto. Um Fluktuation zu senken, zahlen erfolgreiche Betriebe deutlich mehr — als Orientierung etwa 15 bis 17 Euro für Lagerhelfer und 18 bis 22 Euro für ausgebildete Fachkräfte, ergänzt um Prämien und steuerfreie Benefits.

Wie senke ich die Fluktuation neuer Mitarbeiter?

Der Hebel liegt in den ersten Wochen. Ein strukturiertes Onboarding mit festem Paten, klaren Lernzielen für die ersten 30, 60 und 90 Tage sowie regelmäßigen Feedbackgesprächen verhindert frühe Abbrüche. Ergänzend helfen mobile Assistenzsysteme, die neue Kräfte — bei Bedarf mehrsprachig — sicher durch die Prozesse führen, sowie eine ehrliche, wertschätzende Führung durch die direkten Vorgesetzten.

Fazit: Drei Hebel gleichzeitig nutzen

Checkliste — Fachkräftemangel im Lager aktiv begegnen:
  • Recruiting-Mix aufgesetzt: Social Media + Jobplattformen + Kooperation mit Berufsschulen/IHK
  • Stellenanzeigen mit transparentem Gehalt und konkreten Benefits formuliert
  • Quereinsteiger-Programm entwickelt (4-Wochen-Basisqualifizierung inkl. Staplerschein + WMS)
  • Lohnniveau geprüft: deutlich über Mindestlohn (2026: 13,90 €), z. B. 15–17 € für Lagerhelfer, 18–22 € für Fachkräfte
  • Flexible Schichtmodelle eingeführt (Wahlarbeitszeit, 4-Tage-Woche prüfen)
  • Ergonomie-Investitionen: höhenverstellbare Packtische, Hebehilfen, Antiermüdungsmatten
  • Qualifizierungspfade definiert (Lagerhelfer → Fachkraft IHK → Teamleiter → Schichtleiter)
  • Halbjährliche Mitarbeitergespräche eingeführt, Vorschlagswesen aktiviert
  • Technische Entlastung geprüft: Pick-by-Voice, AMR, automatische Fördertechnik, WMS-Optimierung
  • Kennzahl „Kosten pro unbesetzter Stelle" berechnet (Überstunden, Zeitarbeit, Produktivitätsverlust) als Argumentationsgrundlage für Investitionen

Der Fachkräftemangel im Lager wird sich in den nächsten Jahren nicht von selbst lösen — der demografische Wandel ist unumkehrbar, und die Konkurrenz um Arbeitskräfte wird härter. Betriebe, die nur auf einen der drei Hebel setzen (nur Recruiting, nur Bezahlung oder nur Automatisierung), greifen zu kurz. Die Lösung ist ein integrierter Ansatz: gleichzeitig besser rekrutieren (neue Kanäle, neue Zielgruppen), stärker binden (faire Bezahlung, Ergonomie, Entwicklung) und klüger automatisieren (repetitive Aufgaben an Maschinen abgeben, Mitarbeiter für anspruchsvollere Aufgaben qualifizieren).

Der erste Schritt ist dabei der ehrlichste: Berechnen Sie die tatsächlichen Kosten des Personalmangels in Ihrem Betrieb — Überstunden, Zeitarbeit, Produktivitätsverlust, Fehlerkosten, Fluktuation. Mit dieser Zahl im Rücken lässt sich jede Investition in Recruiting, Ergonomie oder Automatisierung sachlich begründen. Wer heute konsequent und an allen drei Hebeln gleichzeitig investiert, sichert sich morgen die Arbeitsfähigkeit seines Lagers — und einen echten Wettbewerbsvorteil in einem Markt, in dem qualifiziertes Personal zum knappsten Gut geworden ist.

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