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Human Centric Lighting im Büro 2026: Was biologisch wirksame Beleuchtung nach DIN/TS 67600 leisten muss

Biologisch wirksame Beleuchtung wird nicht auf der Tischplatte gemessen, sondern am Auge. Der entscheidende Wert heißt melanopisch äquivalente Tageslichtbeleuchtungsstärke, kurz MEDI. DIN/TS 67600 nennt dafür 250 Lux als Planungsziel und bleibt dabei eine Empfehlung ohne Rechtspflicht. Wer beschafft, sollte wissen, dass Tunable White nicht die biologische Grundwirkung finanziert, sondern nur die Dynamik.

Modernes Büro mit tageslichtweißer Pendelleuchte und hohem Indirektanteil an der Decke

Human Centric Lighting ist eines der meistverkauften Argumente im Bürolicht, und zugleich eines der am schlechtesten verstandenen. Der Begriff verspricht Beleuchtung, die den menschlichen Tagesrhythmus stützt. Was davon technisch belastbar ist und was nur den Aufpreis begründet, entscheidet sich an einer einzigen Kenngröße und an der Frage, ob die eigene Lichtplanung diese Größe überhaupt erreicht. Dieser Beitrag ordnet die Normlage, trennt Pflicht von Empfehlung und liefert eine Beschaffungslogik, die vor Einkauf und Betriebsrat Bestand hat.

Was biologisch wirksame Beleuchtung wirklich misst

Die klassische Bürobeleuchtung wird horizontal auf der Arbeitsfläche bemessen. Für die Sehaufgabe ist das richtig, für die biologische Wirkung ist es unerheblich. Ausschlaggebend für den nichtvisuellen Effekt sind spezielle Ganglienzellen der Netzhaut, die auf das am Auge ankommende Licht reagieren. Deshalb zählt für Human Centric Lighting die vertikale beziehungsweise zylindrische Beleuchtungsstärke in Blickrichtung, nicht der Lux-Wert auf dem Schreibtisch.

Die messtechnische Grundlage dafür liefert DIN/TS 5031-100:2021-11. Sie definiert die melanopische Bewertung des Lichts und ist deckungsgleich mit der internationalen Referenz CIE S 026. Aus dieser Bewertung ergibt sich die melanopisch äquivalente Tageslichtbeleuchtungsstärke (MEDI, teils auch als melanopischer EDI angegeben). Damit lässt sich eine Herstellerangabe zur melanopischen Wirkung unabhängig vom Wortlaut des Datenblatts vergleichen, weil das deutsche Regelwerk und das internationale CIE-System dieselbe Berechnung verwenden.

Wie groß der Unterschied zwischen Tageslicht und Kunstlicht ausfällt, zeigt ein einfacher Vergleich. Waldmann beziffert das Tageslicht selbst an trüben Tagen auf rund 10.000 Lux. Konventionelle künstliche Bürobeleuchtung erreicht dagegen meist nur etwa 500 Lux, was aus melanopischer Sicht einer biologischen Dunkelheit entspricht. Diese Lücke will Human Centric Lighting schließen, und hier setzt der Zielwert der DIN/TS 67600 an.

DIN/TS 67600 ist eine Empfehlung, keine Pflicht

Die zentrale Größe ist schnell benannt. DIN/TS 67600 legt für die biologische Wirkung einen Planungszielwert fest, den licht.de mit 250 melanopischen Lux als Zielwert für die Lichtplanung beschreibt. Dieser Wert stützt sich auf den internationalen wissenschaftlichen Konsens und ist damit kein deutscher Sonderweg, sondern eine gemeinsame Planungsreferenz.

Der Status des Dokuments ist für die Beschaffung wichtiger als die Zahl. Die Vorgängerausgabe DIN SPEC 67600:2013-04 wurde durch DIN/TS 67600:2022-08 abgelöst. Der Buchstabenwechsel von SPEC zu TS ändert nichts am Charakter, denn es handelt sich weiterhin um eine Technische Spezifikation mit Empfehlungscharakter. Day & Light ordnet die Regel entsprechend ein, wonach die melanopische Vorgabe von rund 250 Lux ein Richtwert für die Planung und kein rechtlich bindender Grenzwert ist.

Rechtlich maßgeblich in Deutschland bleibt die ASR A3.4. Sie fordert für Büroarbeitsplätze mit Schreiben, Lesen und Datenverarbeitung einen Mindestwert von 500 lx horizontal auf der Arbeitsfläche. Hält ein Arbeitgeber die ASR ein, greift die sogenannte Vermutungswirkung, und er darf davon ausgehen, dass die Arbeitsstättenverordnung erfüllt ist. Weicht er ab, muss er mindestens das gleiche Schutzniveau anderweitig nachweisen. Die Details dazu behandelt unser Beitrag zur Bürobeleuchtung nach ASR A3.4.

Als anerkannte Regel der Technik kommt DIN EN 12464-1:2021-11 hinzu. Die Ausgabe von 2021 ersetzt die Version von 2011 und brachte zwei praxisrelevante Änderungen. Zum einen wurde mit Anhang C erstmals ein Abschnitt zu visuellen und nichtvisuellen Lichtwirkungen aufgenommen. Zum anderen wanderten Anforderungen an Wände, Decken und zylindrische Beleuchtungsstärken direkt in die Tabellen. Nach der Neuausgabe stieg dabei laut AEH die geforderte minimale zylindrische Beleuchtungsstärke im Büro von 50 auf 150 lx. Das ist der eigentliche Brückenwert zum Human Centric Lighting, denn zylindrische Beleuchtungsstärke ist genau das, was am Auge ankommt.

Die Einordnung für den Einkauf ist damit eindeutig. Human Centric Lighting ist gesetzlich nicht vorgeschrieben. Wer 500 lx horizontal und die zylindrischen Mindestwerte einhält, erfüllt seine Pflichten. Der Zielwert von 250 MEDI-Lux ist ein freiwilliges Qualitätsversprechen, das sich sauber begründen lässt, aber nicht erzwungen werden kann.

Der entscheidende Punkt: Tunable White bezahlt nicht die biologische Wirkung

Viele Angebote koppeln Human Centric Lighting fest an durchstimmbare Leuchten und tageszeitabhängige Steuerung. Diese Kopplung ist technisch nicht zwingend. XAL legt die DIN/TS 67600 dahingehend aus, dass weder eine Tunable-White-Leuchte noch eine tageszeitabhängige Steuerung für biologisch wirksame Beleuchtung zwingend erforderlich sind. Eine durchstimmbare Lösung mit circadianer Steuerung wird erst nötig, wenn der Arbeitsplatz über etwa 08:00 bis 16:30 Uhr hinaus betrieben wird.

Der Grund liegt in der Physik der melanopischen Wirkung. Die 250 MEDI-Lux lassen sich auch mit einer fest eingestellten Lichtfarbe erreichen, sofern die vertikale und indirekte Beleuchtungsstärke hoch genug ist und das Spektrum tageslichtähnlich bleibt. Ein hoher Indirektanteil an hellen Decken und Wänden hilft dabei mehr als jede Programmierung. Ein durchstimmbares System mit circadianem Verlauf verbessert den Effekt über den Tag, ist für die reine Bürowirkung im Tagbetrieb aber nicht die Voraussetzung.

Für die morgendliche Aktivierung empfiehlt DIN/TS 67600 nach der XAL-Auslegung ein erhöhtes melanopisches Niveau über mehrere Vormittagsstunden. Das lässt sich sowohl mit fester als auch mit kühlerer, durchstimmbarer Lichtfarbe umsetzen. Die kühlere Farbtemperatur am Vormittag erleichtert lediglich das Erreichen des Ziels bei moderatem horizontalem Niveau.

Für die Beschaffung verschiebt das die Kernfrage. Der Aufpreis für Tunable White finanziert die Dynamik und die individuelle Steuerbarkeit, nicht die biologische Grundwirkung. Wer glaubt, mit dem Kauf durchstimmbarer Leuchten automatisch die 250 MEDI-Lux zu erhalten, verwechselt Steuerungstechnik mit Lichtplanung. Die Wirkung entsteht durch Menge, Richtung und Spektrum des Lichts am Auge, unabhängig davon, ob eine Zeitschaltung dahintersteht.

Drei Gate-Fragen für die Beschaffung

Statt einer Ja-oder-Nein-Entscheidung über Human Centric Lighting empfiehlt sich ein einfaches Prüfschema mit drei Fragen. Es trennt die biologische Grundwirkung sauber von den kostenintensiven Zusatzfunktionen.

Frage 1: Erreichen wir rund 250 MEDI-Lux vertikal am Auge?

Das ist die eigentliche Planungsfrage. Sie beantwortet sich über eine Lichtberechnung mit vertikaler beziehungsweise zylindrischer Bewertung, hohem Indirektanteil und tageslichtähnlichem Spektrum. Fällt die Antwort nein aus, hilft kein durchstimmbares Betriebsgerät. Dann fehlt schlicht Licht am Auge, und die Lösung heißt mehr Fläche, hellere Raumoberflächen oder eine höhere vertikale Komponente.

Frage 2: Wird außerhalb der üblichen Tageszeit gearbeitet?

Erst wenn Beschäftigte regelmäßig vor 8 Uhr, nach 16:30 Uhr oder in Schichtmodellen arbeiten, entsteht ein belastbares Argument für Tunable White mit circadianem Verlauf. In diesen Fällen soll das Kunstlicht den fehlenden Tageslichtreiz gezielt ersetzen oder dämpfen. Im reinen Tagbüro mit gutem Fensteranteil ist dieser Nutzen begrenzt.

Frage 3: Profitieren die Nutzer von individueller Steuerung?

Individuelle Anpassung ist ein Komfort- und Akzeptanzargument. Die Präferenzen für Lichtfarbe streuen breit, und viele Nutzer schätzen es, kühlere oder wärmere Einstellungen selbst wählen zu können. Untersuchungen zur Nutzerakzeptanz zeigen, dass ein erheblicher Teil der Beschäftigten in der Praxis kaum Einfluss auf die Lichtsteuerung hat, obwohl der Wunsch danach besteht. Wer diesen Punkt ernst nimmt, plant die Bedienbarkeit von Anfang an mit ein.

Nur ein Ja zu Frage zwei oder drei rechtfertigt den Aufpreis für durchstimmbare Technik und Steuerung. Ein Ja allein zu Frage eins bedeutet, dass die biologische Wirkung erreichbar ist, gegebenenfalls schon mit statischem, tageslichtnahem Licht.

Technikvergleich: statisch, Tunable White, volldynamisch

Die folgende Übersicht ordnet die drei gängigen Ausbaustufen. Farbtemperaturbereiche von 2700 bis 6500 K sind bei durchstimmbaren Leuchten üblich. Regiolux gibt für seine Tunable-White-Baureihen visula, alvia und planara einen Bereich von 3000 bis 6000 K mit DALI-DT8-Steuerung an. Das Glamox-Panel C77 arbeitet mit 2700 bis 6500 K, einem CRI von 80 und einer Lebensdauer von L80 bei 100.000 Stunden.

Kriterium Statisches Warmweiß-LED Tunable White (HCL) Volldynamisch (RGBW/biodynamisch)
Farbtemperaturbereich fest, z. B. 3000 oder 4000 K stufenlos ca. 2700–6500 K (Regiolux 3000–6000 K) 2700–6500 K plus erweitertes Spektrum durch zusätzliche LED-Farben (R/B)
MEDI am Auge erreichbar (Ziel 250 MEDI-Lux) möglich bei ausreichend hoher vertikaler/indirekter Beleuchtungsstärke und tageslichtähnlichem Spektrum, auch ohne Durchstimmbarkeit gut erreichbar, kühlere Lichtfarbe am Vormittag erleichtert das Ziel bei moderatem horizontalem Niveau am flexibelsten, mit dem höchsten melanopischen Potenzial, für die Bürowirkung aber selten nötig
Steuerungsaufwand keiner / einfaches Schalten und Dimmen DALI DT8 plus Lichtmanagement (z. B. LiveLink, netlife, Casambi), Tageslicht- und Präsenzsensorik empfohlen hoch: Szenenprogrammierung, Kalibrierung, laufende Pflege der Steuerung
Energiebedarf am niedrigsten (nur direkter Bedarf) moderat, Sensorik kann den Verbrauch deutlich senken (Herstellerangaben) am höchsten, da Mehrfarb-LED-Systeme weniger effizient sind als reine TW-Systeme
Wartung / Lebensdauer gering, LED L80 typ. 50.000–100.000 h gering bis mittel, zusätzlich Treiber und Steuerung mittel, mehr Komponenten und aufwendigere Fehlersuche
Investition pro Arbeitsplatz Basis / niedrigster Aufpreis Aufpreis für DT8-Betriebsgeräte, Steuerung und Programmierung höchster Aufpreis (Leuchten plus Steuerung plus Planung)
Passt am besten zu Tagbüros mit gutem Tageslicht, Standard-Sehaufgaben, engem Budget fensterferne Büros, lange Aufenthaltszeiten, Wunsch nach Anpassung und Tagesdynamik Sonderräume, Pflege und Klinik, Schicht- und Nachtarbeit; im Standardbüro meist überdimensioniert

Was Human Centric Lighting kostet und was sich davon rechnen lässt

Belastbare Preise pro Arbeitsplatz lassen sich nicht seriös angeben. Professionelle Hersteller wie Trilux, Zumtobel, Waldmann, Glamox und Regiolux kalkulieren HCL-Lösungen projektbezogen und veröffentlichen keine offenen Listenpreise je Arbeitsplatz. Die Kosten hängen von Leuchtenzahl, Steuerungsarchitektur und Montagesituation ab. Qualitativ gilt, dass der Aufpreis vor allem für die DT8-Betriebsgeräte, das Lichtmanagement und die Programmierung entsteht, nicht für die biologische Grundwirkung.

Wichtig ist die saubere Trennung vom reinen LED-Effekt. Wer von Leuchtstofflampen auf LED umrüstet, spart Energie unabhängig davon, ob die neue Lösung Human Centric Lighting kann. mepbau weist in einem Rechenbeispiel darauf hin, dass LED-Leuchten je nach Konstellation deutlich weniger Strom benötigen als Leuchtstofflampen bei gleicher Helligkeit. Eine LED-Umrüstung amortisiert sich demnach meist nach wenigen Jahren. Dieser Vorteil ist ein LED-Retrofit-Effekt und darf nicht dem HCL-Aufpreis gutgeschrieben werden.

Ähnliches gilt für Einsparungen durch Sensorik. Präsenz- und Tageslichtsteuerung senkt den Energiebedarf spürbar, doch die von Herstellern genannten Prozentwerte sind Herstellerangaben und keine unabhängigen Messungen. Waldmann setzt sein Lichtmanagementsystem VTL bereits seit 2004 in Projekten ein und schreibt der Sensorik einen erheblichen Anteil an der Einsparung zu. Für die eigene Wirtschaftlichkeitsrechnung sollte man solche Werte als Größenordnung behandeln und über die konkrete Nutzung und Belegung des Raums plausibilisieren.

Unter dem Strich zahlt der Käufer für zwei getrennte Dinge. Das eine ist die Lichtplanung, die genug melanopisch wirksames Licht ans Auge bringt. Das andere ist die Steuerungstechnik, die diese Wirkung über den Tag variabel macht und individuell bedienbar hält. Nur wer beides trennt, kann ein Angebot beurteilen und den Aufpreis gegenüber Einkauf und Mitbestimmung begründen.

Checkliste für die HCL-Beschaffung im Büro

  • Lichtberechnung mit vertikaler bzw. zylindrischer Bewertung anfordern, nicht nur den horizontalen Lux-Wert auf dem Tisch.
  • Zielwert 250 MEDI-Lux am Auge als Planungsvorgabe schriftlich fixieren, mit Bezug auf DIN/TS 67600.
  • Pflichtwerte separat nachweisen lassen: 500 lx horizontal nach ASR A3.4 und mindestens 150 lx zylindrisch nach DIN EN 12464-1:2021-11.
  • Indirektanteil und Reflexionsgrade von Decke und Wänden prüfen, denn sie tragen den vertikalen Lichteintrag.
  • Betriebszeiten klären: Nur bei Arbeit außerhalb ca. 8 bis 16:30 Uhr oder im Schichtbetrieb ist Tunable White mit circadianem Verlauf wirtschaftlich zu begründen.
  • Bedarf an individueller Steuerung mit den Nutzern abstimmen und die Bedienbarkeit von Anfang an einplanen.
  • HCL-Aufpreis vom reinen LED-Retrofit-Effekt trennen und beide Positionen getrennt bewerten.
  • Datenblätter auf CRI, MacAdam-Ellipse, DALI-DT8-Kompatibilität und Lebensdauer (L80) vergleichen.

Als nächster Schritt empfiehlt sich, die Gefährdungsbeurteilung Beleuchtung mit der vorhandenen Lichtplanung abzugleichen und für ein Pilotbüro eine vertikale MEDI-Berechnung erstellen zu lassen. Erst danach wird entschieden, ob statisches tageslichtnahes Licht ausreicht oder ob Betriebszeiten und Nutzerwünsche den Schritt zu durchstimmbarer Technik rechtfertigen. Wer die Frage nach der biologischen Wirkung von der Frage nach der Steuerung trennt, kauft weder zu wenig Licht noch zu viel Technik.

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