Die Ausgangslage: Vier Kennzahlen, ein Gesamtbild
Wer im ersten Quartal 2026 Investitionsentscheidungen für den Betrieb trifft, sollte vier aktuelle Veröffentlichungen des Statistischen Bundesamtes kennen. Einzeln betrachtet liefert jede Kennzahl nur einen Ausschnitt. Zusammen ergeben sie ein differenziertes Bild der wirtschaftlichen Lage in der deutschen Industrie.
| Kennzahl | Aktueller Wert | Veränderung | Quelle (Destatis) |
|---|---|---|---|
| Erzeugerpreise gewerblicher Produkte | Feb. 2026 | −3,3 % ggü. Feb. 2025; −0,5 % ggü. Jan. 2026 | PM vom 20.03.2026 |
| Produktion im Produzierenden Gewerbe | Jan. 2026 | −0,5 % ggü. Dez. 2025; −1,2 % ggü. Jan. 2025 | PM vom 13.03.2026 |
| Auftragsbestand Verarbeitendes Gewerbe | Jan. 2026 | −0,4 % ggü. Dez. 2025 (saison-/kalenderbereinigt) | PM vom 18.03.2026 |
| Unternehmensinsolvenzen 2025 | Gesamtjahr 2025 | 24.064 Fälle (+10,3 % ggü. 2024); Forderungen: 47,9 Mrd. € | PM vom 13.03.2026 |
Ergänzend liefert die BIP-Berechnung für das vierte Quartal 2025 den konjunkturellen Rahmen: Die Wirtschaftsleistung stieg gegenüber dem Vorquartal um 0,3 %, das Gesamtjahr 2025 schloss mit einem Wachstum von 0,2 % ab. Das ist eine leichte Erholung, jedoch auf niedrigem Niveau. Für die vollständigen Ergebnisse verweist Destatis auf die ausführliche BIP-Pressemitteilung vom 25. Februar 2026.
Erzeugerpreise −3,3 %: Was der Rückgang für den industriellen Einkauf bedeutet
Die Erzeugerpreise gewerblicher Produkte fallen seit Monaten. Im Februar 2026 lag der Index 3,3 % unter dem Vorjahreswert, im Januar waren es bereits 3,0 %. Der Haupttreiber dieses Rückgangs ist der Energiebereich: Erdgas in der Verteilung kostete 14,3 % weniger als im Vorjahr, elektrischer Strom lag 13,4 % niedriger. Auch Mineralölerzeugnisse verbilligten sich um 7,0 %.
Für Einkäufer ist dabei ein Detail besonders relevant: Klammert man Energie aus, stiegen die Erzeugerpreise im Vorjahresvergleich um 1,0 %. Investitionsgüter verteuerten sich um 1,7 %, Maschinen ebenfalls um 1,7 %, Vorleistungsgüter um 1,1 %. Der Gesamtrückgang von 3,3 % entsteht also fast ausschließlich durch niedrigere Energiekosten, nicht durch günstigere Industriegüter.
Wo sich Einkaufsvorteile tatsächlich ergeben
Die folgende Übersicht zeigt die Preisentwicklung für ausgewählte Warengruppen, die für den industriellen Einkauf besonders relevant sind. Die Daten stammen aus der Destatis-Erzeugerpreisstatistik für Februar 2026 und beziehen sich jeweils auf den Vorjahresvergleich:
| Warengruppe | Veränderung ggü. Feb. 2025 | Einschätzung für den Einkauf |
|---|---|---|
| Energie gesamt | −12,5 % | Deutlich günstiger, senkt Betriebskosten direkt |
| Erdgas (Verteilung) | −14,3 % | Vorteil bei gasintensiven Prozessen (Härten, Wärmebehandlung) |
| Elektrischer Strom | −13,4 % | Geringere Maschinenkosten, Ladestrom für E-Flurförderzeuge |
| Roheisen, Stahl, Ferrolegierungen | −1,9 % | Leicht günstiger, relevant für Stahlmöbel und Regalsysteme |
| Papier, Pappe und Waren daraus | −2,3 % | Günstig für Verpackungsmaterial-Beschaffung |
| Chemische Grundstoffe | −3,0 % | Relevant für Reinigungsmittel, Gefahrstoffe |
| Investitionsgüter gesamt | +1,7 % | Moderat teurer: Maschinen, Anlagen, Fahrzeuge |
| Maschinen | +1,7 % | Preise steigen weiter, Verhandlung über Konditionen lohnt sich |
| Vorleistungsgüter gesamt | +1,1 % | Leichter Anstieg, Metalle verteuern sich differenziert |
| Metalle gesamt | +6,5 % | Achtung: Kupfer +13,8 %, Edelmetalle +66,8 % |
Für Betriebe, die größere Anschaffungen planen, lohnt sich ein differenzierter Blick: Die niedrigen Energiekosten senken die laufenden Betriebskosten erheblich, haben aber nur begrenzte Auswirkungen auf die Anschaffungspreise von Industrieausrüstung. Wer bei Stahlprodukten, Verpackungsmaterial oder chemischen Grundstoffen größere Mengen beschafft, findet aktuell günstigere Konditionen als vor zwölf Monaten. Wer Maschinen, Fahrzeuge oder kupferhaltige Komponenten beschafft, sollte hingegen nicht mit Preisrückgängen rechnen.
Ein besonderer Posten verdient Aufmerksamkeit: Die Preise für Holz und Holzwaren stiegen um 6,4 %, Nadelschnittholz sogar um 12,8 %. Betriebe, die Holzpaletten, Holzkisten oder holzbasierte Verpackungen in größerem Umfang nutzen, spüren hier eine gegenläufige Entwicklung zu den sonstigen Verpackungsmaterialien. Pellets und Briketts verteuerten sich um 34,9 % gegenüber dem Vorjahr, was für Betriebe mit Biomasse-Heizungen relevant ist.
Produktion und Auftragsbestand: Verhandlungsspielräume für Abnehmer
Die Industrieproduktion ging im Januar 2026 gegenüber dem Vormonat um 0,5 % zurück. Gegenüber dem Vorjahresmonat lag sie kalenderbereinigt 1,2 % niedriger. Im weniger volatilen Dreimonatsvergleich (November 2025 bis Januar 2026) zeigte sich allerdings ein Plus von 0,9 % gegenüber den drei Monaten davor. Die Situation ist also nicht einheitlich negativ, sondern schwankend.
Der Auftragsbestand im Verarbeitenden Gewerbe sank im Januar 2026 um 0,4 % gegenüber dem Vormonat. Auch der Auftragseingang ging deutlich zurück: −11,1 % im Januar gegenüber Dezember 2025. Bereinigt um Großaufträge lag das Minus bei 0,4 %. Der starke Rückgang erklärt sich vor allem durch das ungewöhnlich hohe Dezember-Niveau, als der Auftragseingang den höchsten Wert seit Februar 2022 erreicht hatte.
Was das für die Beschaffungspraxis bedeutet
Hersteller mit sinkenden Auftragseingängen haben in der Regel mehr Kapazitäten frei und sind verhandlungsbereiter. Das betrifft insbesondere Unternehmen im Maschinen- und Anlagenbau, in der Metallverarbeitung und im Fahrzeugbau. Einkäufer, die Investitionen vor sich herschieben, finden im aktuellen Umfeld häufig kürzere Lieferzeiten und mehr Spielraum bei Konditionen als noch vor zwölf Monaten.
In der Praxis zeigt sich das an mehreren Stellen: Anbieter von Regalsystemen, Werkstatteinrichtungen oder Flurförderzeugen reagieren schneller auf Angebotsanfragen, bieten häufiger Skonti an und sind offener für Sonderkonfigurationen. Betriebe, die im Jahr 2024 noch Lieferzeiten von acht bis zwölf Wochen für Standardprodukte hinnehmen mussten, berichten aktuell von vier bis sechs Wochen bei vergleichbaren Positionen. Für Sonderanfertigungen gilt Ähnliches, wenngleich in geringerem Umfang.
Gleichzeitig mahnt der schwankende Produktionsindex zur Vorsicht bei langfristigen Verträgen mit festen Preisbindungen. Die Energiemärkte sind durch die jüngsten geopolitischen Entwicklungen im Nahen Osten volatil. Destatis verweist in der Erzeugerpreis-Pressemitteilung ausdrücklich darauf, dass die Februarzahlen die Auswirkungen der Kriegshandlungen seit dem 28. Februar 2026 noch nicht enthalten. Betriebe, die Verträge mit mehrmonatiger Laufzeit abschließen, sollten Preisanpassungsklauseln vereinbaren.
Ein weiterer Punkt, der häufig übersehen wird: Auch die Konditionen für Leasing und Mietmodelle verbessern sich in Phasen schwacher Auslastung. Wer etwa einen Elektrohubwagen oder eine CNC-Maschine nicht kaufen, sondern leasen möchte, findet bei vielen Herstellern aktuell attraktivere Konditionen als in nachfragestarken Quartalen.
24.064 Unternehmensinsolvenzen: Lieferantenrisiko realistisch einschätzen
Im Gesamtjahr 2025 registrierten die deutschen Amtsgerichte 24.064 beantragte Unternehmensinsolvenzen, 10,3 % mehr als im Vorjahr. Die Gläubigerforderungen summierten sich auf rund 47,9 Milliarden Euro. Das ist der höchste Wert seit 2014, liegt aber noch deutlich unter den Spitzenjahren 2004 und 2009 (über 39.000 bzw. 32.687 Fälle).
Für die Einordnung ist wichtig: Der Anstieg hat sich verlangsamt. 2023 und 2024 lagen die Zuwächse bei jeweils über 20 %. Die Dynamik flacht also ab. Der Verband Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands (VID) warnte im März 2026 vor einer Überinterpretation der Zahlen und wies darauf hin, dass die Werte im historischen Vergleich noch moderat seien.
Branchenspezifische Risiken für den Einkauf
Für Einkäufer ist die branchenspezifische Auswertung relevanter als die Gesamtzahl. Die höchste Insolvenzhäufigkeit verzeichnete der Wirtschaftsabschnitt Verkehr und Lagerei mit 133 Fällen je 10.000 Unternehmen. Das Gastgewerbe folgt mit 108, das Baugewerbe mit 104 Fällen. Diese drei Branchen liegen deutlich über dem Gesamtdurchschnitt von 69 Fällen je 10.000 Unternehmen.
| Branche | Insolvenzhäufigkeit 2025 (je 10.000 Unternehmen) | Relevanz für industriellen Einkauf |
|---|---|---|
| Verkehr und Lagerei | 133 | Speditionspartner, Logistikdienstleister, KEP-Dienste |
| Gastgewerbe | 108 | Gering (indirekt über Betriebskantinen, Catering) |
| Baugewerbe | 104 | Bauunternehmer, Subunternehmer bei Werkserweiterungen |
| Sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen | 100 | Zeitarbeitsfirmen, Industriereinigung, Facility Services |
| Gesamtdurchschnitt | 69 | Referenzwert |
Betriebe, die auf externe Logistikdienstleister angewiesen sind, sollten ihre Lieferantenstruktur gezielt überprüfen. Ein Ausfall eines Speditionspartners kann Produktionsketten unterbrechen und zu Vertragsstrafen bei eigenen Kunden führen. Regelmäßige Bonitätsprüfungen, die Pflege alternativer Lieferanten und kürzere Zahlungsziele für kritische Dienstleister sind im aktuellen Umfeld keine Übervorsicht, sondern betriebswirtschaftliche Notwendigkeit.
Auch die monatlichen Daten verdienen Beachtung: Im Dezember 2025 verzeichneten die Amtsgerichte 2.037 beantragte Unternehmensinsolvenzen, 13,7 % mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Gläubigerforderungen lagen bei 3,6 Milliarden Euro. Im November 2025 waren es 1.794 Fälle mit Forderungen von 1,5 Milliarden Euro. Der Rückgang der Forderungssumme trotz steigender Fallzahlen deutet darauf hin, dass 2025 häufiger kleinere und mittlere Unternehmen betroffen waren als noch 2024, als einzelne Großinsolvenzen die Statistik prägten.
Für Einkäufer hat das eine direkte Konsequenz: Das Risiko liegt weniger bei den großen, börsennotierten Lieferanten, deren Schieflagen medial sichtbar sind. Es liegt bei den mittelständischen Spezialisten, Zulieferern und Dienstleistern, deren Insolvenz erst auffällt, wenn die Ware nicht mehr geliefert wird. Ein strukturiertes Lieferantenmonitoring, das neben Bonitätsdaten auch operative Indikatoren wie Liefertreue, Kommunikationsverhalten und Personalfluktuation erfasst, ist in dieser Marktphase besonders wertvoll.
Handlungsempfehlungen: Investieren, absichern, differenzieren
Die Kombination aus sinkenden Erzeugerpreisen, freien Produktionskapazitäten und steigendem Insolvenzrisiko ergibt für Einkäufer eine Situation, in der es sich lohnt, gleichzeitig mutig und vorsichtig zu sein.
Investitionen vorziehen, wo der Preiseffekt real ist
Bei Materialien mit hohem Energiekostenanteil (Stahl, Kunststoffe, Verpackungsmaterial) und bei Betriebsmitteln, die unter normalem Wettbewerbsdruck stehen, sind die aktuellen Konditionen günstiger als vor einem Jahr. Wer ohnehin Regalsysteme, Schutzausrüstung, Lagerausstattung oder Verpackungsmaterial beschaffen muss, profitiert von kürzeren Lieferzeiten und besserer Verhandlungsposition.
Lieferantenbasis diversifizieren
Die Insolvenzstatistik zeigt, dass insbesondere Logistik- und Zeitarbeitsunternehmen unter Druck stehen. Einkäufer sollten für kritische Dienstleistungen mindestens zwei qualifizierte Anbieter vorhalten und Verträge so gestalten, dass ein Anbieterwechsel innerhalb von zwei bis vier Wochen möglich ist.
Preisanpassungsklauseln nutzen
Angesichts der geopolitischen Unsicherheiten (insbesondere im Energiebereich) empfehlen sich Verträge mit indexgebundenen Preisklauseln. Die Destatis-Erzeugerpreisindizes bieten hierfür eine neutrale und öffentlich zugängliche Referenz. Die monatlich aktualisierten Indizes lassen sich über die Themenseite Erzeugerpreise des Statistischen Bundesamtes abrufen.
Checkliste für den Einkauf Q1/Q2 2026
✔ Erzeugerpreisindex prüfen: Gesamtindex (−3,3 %) versus Teilindex ohne Energie (+1,0 %). Welcher Index ist für Ihre Warengruppe relevant?
✔ Verhandlungsspielräume ausloten: Hersteller mit rückläufigem Auftragsbestand sind häufig offener für Konditionenverbesserungen, Skonti oder Lieferzeitverkürzungen.
✔ Bonität kritischer Lieferanten prüfen, insbesondere in den Bereichen Logistik, Zeitarbeit und Bau (Insolvenzhäufigkeit drei- bis fünfmal über dem Durchschnitt).
✔ Dual-Sourcing für Schlüssellieferanten einrichten oder bestehende Alternativlieferanten reaktivieren.
✔ Preisanpassungsklauseln in neue Rahmenverträge aufnehmen, idealerweise mit Bezug auf den Destatis-Erzeugerpreisindex der relevanten Warengruppe.
✔ Energiekosten-Entwicklung separat beobachten: Die Februar-Daten enthalten die Auswirkungen der Nahostkrise seit dem 28.02.2026 noch nicht.
Ausblick: Was in den kommenden Monaten zu erwarten ist
Die Destatis-Daten liefern immer eine Momentaufnahme. Für die Einschätzung der kommenden Monate sind einige Faktoren zu berücksichtigen, die in den aktuellen Zahlen noch nicht enthalten sind.
Der Lkw-Maut-Fahrleistungsindex, der als Frühindikator für die Industriekonjunktur gilt, lag im Februar 2026 kalenderbereinigt 1,5 % über dem Vorjahreswert und 0,7 % über dem Januar. Das deutet auf ein leicht wachsendes Transportvolumen hin, das mit einer Stabilisierung der Industrieproduktion in den kommenden Monaten vereinbar wäre.
Gleichzeitig haben die Kriegshandlungen im Nahen Osten seit Ende Februar 2026 das Potenzial, die Energiepreise wieder anzuheben. Da der bisherige Rückgang der Erzeugerpreise fast vollständig energiegetrieben ist, könnte ein Anstieg der Öl- und Gaspreise den aktuellen Preisvorteil schnell aufzehren. Für Einkäufer bedeutet das: Beschaffungsentscheidungen, die auf den niedrigen Energiepreisen basieren, sollten zeitnah umgesetzt werden. Je länger gewartet wird, desto unsicherer ist die Kalkulation.
Bei den Insolvenzen erwartet der VID für 2026 einen weiteren Anstieg, allerdings in moderaterem Tempo als in den Vorjahren. Die Normalisierung nach den Sondereffekten der Corona-Jahre (Insolvenzantragspflicht war 2020/2021 teilweise ausgesetzt) nähert sich ihrem Ende. Für Einkäufer bleibt das Lieferantenrisiko dennoch erhöht, insbesondere bei kleinen und mittleren Dienstleistern in den besonders betroffenen Branchen.
Fazit: Günstiges Zeitfenster mit kalkulierbaren Risiken
Die aktuellen Destatis-Daten zeichnen für das erste Quartal 2026 ein Bild moderater Entspannung auf der Preisseite bei gleichzeitig wachsenden Risiken in der Lieferkette. Für Betriebsleiter und Einkaufsverantwortliche bedeutet das: Investitionen in Betriebsausstattung, Lagerinfrastruktur und Sicherheitsausrüstung lassen sich aktuell zu vergleichsweise günstigen Konditionen realisieren. Die freien Kapazitäten vieler Hersteller verkürzen Lieferzeiten und erhöhen die Verhandlungsbereitschaft.
Gleichzeitig erfordert die steigende Zahl an Unternehmensinsolvenzen einen aufmerksamen Blick auf die Stabilität der eigenen Lieferantenbasis. Wer beide Seiten im Auge behält, kann die aktuelle Marktlage gezielt für den eigenen Betrieb nutzen.