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Insolvenzen in Verkehr und Lagerei 2025: Was die höchste Insolvenzquote aller Branchen für Lieferketten und Lagerbetrieb bedeutet

24.064 Unternehmensinsolvenzen hat das Statistische Bundesamt für das Jahr 2025 registriert, 10,3 % mehr als im Vorjahr. An der Spitze steht der Wirtschaftsabschnitt Verkehr und Lagerei mit 133 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen. Für Betriebe, die auf externe Spediteure, Lagerdienstleister und KEP-Dienste angewiesen sind, hat diese Entwicklung unmittelbare Konsequenzen für die Lieferkettensicherheit und die eigene Lagerstrategie.

Lagerregale und Logistikbetrieb als Symbol für die Insolvenzrisiken im Sektor Verkehr und Lagerei

Insolvenzen 2025: Das Gesamtbild

Im Jahr 2025 registrierten die deutschen Amtsgerichte 24.064 beantragte Unternehmensinsolvenzen. Das waren 10,3 % mehr als 2024, nachdem die Zahl bereits 2023 und 2024 jeweils um mehr als 20 % gestiegen war. Höher als 2025 lag die Zahl zuletzt 2014 mit 24.085 Fällen. In den Krisenjahren 2009 (Finanzkrise) und 2004 wurden mit über 32.000 bzw. 39.000 Fällen deutlich höhere Werte erreicht.

Die Gläubigerforderungen aus den 2025 gemeldeten Insolvenzen bezifferten die Amtsgerichte auf rund 47,9 Milliarden Euro. Der Verband Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands (VID) ordnete die Zahlen im März 2026 ein und wies darauf hin, dass die aktuelle Entwicklung zwar einen Anstieg darstelle, aber noch weit von einer Insolvenzwelle im historischen Sinne entfernt sei. Die Großinsolvenzen gingen 2025 sogar um 15,6 % gegenüber dem Vorjahr zurück.

Für die betriebliche Praxis ist jedoch weniger die Gesamtzahl als die branchenspezifische Verteilung entscheidend. Und hier zeigt sich ein auffälliges Muster, das die Destatis-Pressemitteilung vom 13. März 2026 detailliert aufschlüsselt.

Branchenvergleich: Verkehr und Lagerei mit Abstand vorn

Bezogen auf 10.000 Unternehmen gab es 2025 insgesamt 69 Unternehmensinsolvenzen. Die Unterschiede zwischen den Branchen sind jedoch erheblich:

Wirtschaftsabschnitt Insolvenzen je 10.000 Unternehmen (2025) Verhältnis zum Durchschnitt
Verkehr und Lagerei 133 1,93×
Gastgewerbe 108 1,57×
Baugewerbe 104 1,51×
Sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen (u. a. Zeitarbeit) 100 1,45×
Gesamtdurchschnitt 69 1,00×

Der Wirtschaftsabschnitt Verkehr und Lagerei liegt fast doppelt so hoch wie der Gesamtdurchschnitt. Dieses Muster ist nicht neu: Bereits in den Vorjahren lag der Transportsektor regelmäßig an der Spitze oder nahe der Spitze der Insolvenzstatistik. Im November 2025 betrug die monatliche Insolvenzhäufigkeit im Bereich Verkehr und Lagerei 11,0 Fälle je 10.000 Unternehmen, ebenfalls der höchste Wert aller Branchen.

Warum gerade Verkehr und Lagerei?

Mehrere Faktoren wirken zusammen. Erstens ist der Straßengüterverkehr ein stark fragmentierter Markt mit vielen kleinen Unternehmen, die mit zwei bis zehn Fahrzeugen operieren. Diese Betriebe haben minimale Eigenkapitalquoten und geringe Liquiditätsreserven. Zweitens haben die Mauterhöhung 2024 (Einführung der CO₂-abhängigen Mautkomponente) und die steigende CO₂-Abgabe (55 Euro pro Tonne seit 2025) die Betriebskosten sprunghaft erhöht, ohne dass alle Unternehmen diese Kosten an ihre Auftraggeber weitergeben konnten.

Drittens verschärft der Fachkräftemangel bei Berufskraftfahrern die Situation: Unternehmen, die keine Fahrer finden, können Aufträge nicht annehmen und verlieren Kunden. Gleichzeitig müssen sie höhere Löhne zahlen, um die verbleibenden Fahrer zu halten. Viertens hat die schwache Industriekonjunktur 2024 und 2025 das Transportvolumen zeitweise gedrückt, was die Auslastung vieler Speditionen reduzierte. Der Lkw-Maut-Fahrleistungsindex lag im Januar 2026 noch 0,9 % unter dem Vorjahr, bevor er sich im Februar 2026 auf +1,5 % erholte.

Konsequenzen für die Lieferkette: Vier Risikoszenarien

Die hohe Insolvenzquote im Transportsektor betrifft produzierende Unternehmen und Handelsbetriebe auf mehreren Ebenen. Die folgenden vier Szenarien sind in der Praxis am häufigsten und verursachen die größten Schäden:

Szenario 1: Ausfall eines Speditionspartners

Ein Zulieferbetrieb, der seine Rohstoffe über eine Spedition bezieht, erfährt am Montagmorgen, dass der Spediteur Insolvenz angemeldet hat. Die Ware steht auf dem Hof des Spediteurs und kann nicht abgeholt werden, da der Insolvenzverwalter zunächst die Vermögensgegenstände sichert. Die Produktion steht, weil das Material fehlt. Die Suche nach einem Ersatzspediteur dauert mehrere Tage, da Rahmenverträge, EDI-Anbindung und Routenpläne neu aufgesetzt werden müssen.

Szenario 2: Insolvenz eines externen Lagerdienstleisters

Unternehmen, die Teile ihres Warenbestands bei externen Lagerdienstleistern einlagern, sind im Insolvenzfall besonders verwundbar. Die eingelagerte Ware gehört dem Auftraggeber, aber der Zugriff kann durch den Insolvenzverwalter vorübergehend eingeschränkt werden. Die Lagerei-Preise stiegen 2025 nach Destatis-Angaben um rund 3 % (Q3 2025 gegenüber Q3 2024), was zeigt, dass auch in diesem Segment die Margen unter Druck stehen.

Szenario 3: Ausfall eines KEP-Dienstleisters

Kurier-, Express- und Paketdienste sind für viele Betriebe die Lebensader im Ersatzteilversand und bei eiligen Kundenlieferungen. Die Destatis-Daten zeigen, dass gerade bei KEP-Diensten die Preissteigerungen mit +4,9 % (2025 gegenüber 2024) besonders hoch ausfielen. Kleine KEP-Anbieter, die diese Kosten nicht weitergeben können, stehen unter erheblichem Druck.

Szenario 4: Qualitätsverlust durch Subunternehmer-Wechsel

Viele Speditionen setzen Subunternehmer ein. Wenn ein Subunternehmer ausfällt und kurzfristig ersetzt wird, sinkt häufig die Transportqualität: Beschädigte Paletten, falsche Zustellungen, überschrittene Temperaturbereiche bei sensiblen Gütern. Für Betriebe, die Gefahrstoffe, temperaturempfindliche Produkte oder empfindliche Elektronik versenden, kann ein einziger fehlerhafter Transport erhebliche Folgekosten verursachen.

Monatliche Entwicklung: Dezember 2025 und November 2025

Die monatlichen Destatis-Meldungen liefern zusätzliche Detailtiefe. Im Dezember 2025 registrierten die Amtsgerichte 2.037 beantragte Unternehmensinsolvenzen, 13,7 % mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Gläubigerforderungen lagen bei 3,6 Milliarden Euro. Im November 2025 waren es 1.794 Fälle mit Forderungen von 1,5 Milliarden Euro, ein Plus von nur 0,4 % gegenüber dem Vorjahr.

Auffällig ist der Rückgang der Forderungssummen bei gleichzeitig steigenden Fallzahlen. Im November 2024 hatten die Forderungen bei 2,8 Milliarden Euro gelegen, im Dezember 2024 sogar bei 5,8 Milliarden Euro. Diese Verschiebung deutet darauf hin, dass 2025 häufiger kleine und mittlere Unternehmen betroffen waren, während 2024 noch einzelne Großinsolvenzen die Forderungsstatistik prägten.

Für Einkäufer und Logistikverantwortliche bedeutet das: Das Risiko liegt weniger bei den sichtbaren Großinsolvenzen als bei den vielen kleinen Ausfällen, die einzeln wenig mediale Aufmerksamkeit erhalten, aber in der Summe die Versorgungssicherheit gefährden. Ein mittelständischer Spediteur mit 15 Fahrzeugen, der Insolvenz anmeldet, steht in keiner Schlagzeile. Aber wenn er gerade drei Paletten Material für eine laufende Produktionsserie transportiert, ist der Schaden für den Auftraggeber real.

Konsequenzen für den eigenen Lagerbetrieb

Die Insolvenzstatistik hat auch eine indirekte Auswirkung auf den eigenen Lagerbetrieb. Wenn Transportunternehmen unter Kostendruck stehen, sparen sie häufig an Dingen, die für den Empfänger sichtbare Schäden verursachen: schlecht gesicherte Ladung, zu schnell entladene Paletten, beschädigte Verpackungen. In Lagern, in denen täglich Ware angeliefert wird, zeigt sich das an beschädigten Regalstützen, angefahrenen Hallentoren und deformierten Ladungsträgern.

Betriebe, die ihre Regalprüfung nach DIN EN 15635 gewissenhaft durchführen, bemerken solche Schäden frühzeitig. Betriebe, die unter eigenem Personaldruck stehen und die Eingangskontrolle vernachlässigen, riskieren hingegen, dass beschädigte Ware unbemerkt eingelagert wird oder dass Regalschäden erst bei der nächsten Prüfung auffallen. In Kombination mit dem steigenden Insolvenzrisiko der Transporteure ergibt sich eine Risikoverdichtung: Die Qualität der angelieferten Ware sinkt potenziell, während gleichzeitig die eigenen Kontrollkapazitäten unter Druck stehen.

Internalisierung vs. Outsourcing: Die Grundsatzfrage

Die hohe Insolvenzquote im Sektor Verkehr und Lagerei stellt für viele Betriebe eine grundsätzliche Frage: Wie abhängig will man von externen Logistikdienstleistern sein? Betriebe, die in den vergangenen Jahren Lagerflächen an externe Fulfillment-Dienstleister ausgelagert haben, müssen das Insolvenzrisiko des Dienstleisters in ihre Kalkulation einbeziehen. Die Lagerei-Preise steigen mit rund 3 % jährlich, die Insolvenzquote liegt bei 133 je 10.000 Unternehmen, und im Insolvenzfall ist der Zugriff auf die eigene Ware möglicherweise vorübergehend eingeschränkt.

Für Betriebe mit ausreichend Fläche kann die Rückverlagerung von Lagerkapazitäten ins eigene Haus eine strategisch sinnvolle Option sein. Die Investition in eigene Regalsysteme, Flurförderzeuge und Lagerverwaltung amortisiert sich schneller, wenn man die Alternativkosten aus externen Lagergebühren und dem Insolvenzrisiko gegenrechnet. Das gilt besonders für Betriebe mit hochwertiger Ware, Gefahrstoffen oder Produkten mit besonderen Lageranforderungen.

Gesamtwirtschaftlicher Kontext: Auch Verbraucherinsolvenzen steigen

Neben den Unternehmensinsolvenzen registrierte Destatis für 2025 auch 77.219 Verbraucherinsolvenzen, ein Anstieg von 8,4 % gegenüber dem Vorjahr. Für den industriellen Einkauf ist diese Zahl nicht direkt relevant, sie vervollständigt jedoch das wirtschaftliche Gesamtbild: Die Belastung durch Insolvenzen betrifft nicht nur Unternehmen, sondern auch die Konsumentenseite. Das schwächt die Binnennachfrage zusätzlich und kann mittelfristig die Auftragslage in konsumnahen Industriezweigen beeinflussen.

Handlungsempfehlungen für Betriebe

Checkliste: Lieferkettensicherheit bei steigendem Insolvenzrisiko

✔ Bonität der drei bis fünf wichtigsten Logistikpartner prüfen (Creditreform, CRIF, Schufa B2B). Bei Verschlechterung Alternativanbieter vorqualifizieren.
✔ Vertragliche Absicherung: Eigentumsvorbehalte bei externer Lagerung, Aussonderungsrechte im Insolvenzfall vertraglich sichern.
✔ Dual-Sourcing für kritische Transportrelationen: Mindestens zwei qualifizierte Spediteure je Hauptroute vorhalten.
✔ Warnsignale beobachten: Häufiger Fahrerwechsel, zunehmende Verspätungen, Anfragen nach verkürzten Zahlungszielen, Wechsel von Subunternehmern.
✔ Eingangskontrolle im eigenen Lager intensivieren: Transportschäden systematisch dokumentieren und Verursacher zuordnen.
✔ Regalprüfung nach DIN EN 15635 einhalten: Gerade bei erhöhtem Anlieferungsverkehr steigt das Risiko für Anfahrschäden.
✔ Versicherungsschutz prüfen: Deckt die Transportversicherung auch den Fall ab, dass der Transporteur während der Beförderung insolvent wird?

Fazit: Die Insolvenzstatistik als Frühwarnsystem nutzen

Die Destatis-Insolvenzstatistik ist für die meisten Betriebe keine Lektüre, die zum Tagesgeschäft gehört. Die Zahlen für 2025 zeigen jedoch, warum sie das sein sollte. Mit 133 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen liegt der Wirtschaftsabschnitt Verkehr und Lagerei fast doppelt so hoch wie der Branchendurchschnitt. Die Tendenz zeigt nach oben, auch wenn die Dynamik sich gegenüber 2023 und 2024 abgeschwächt hat.

Für Betriebsleiter und Einkaufsverantwortliche bedeutet das: Die Absicherung der eigenen Lieferkette gegen Lieferantenausfälle im Transportsektor ist 2026 keine theoretische Übung, sondern eine konkrete betriebliche Aufgabe. Wer seine Logistikpartner regelmäßig evaluiert, vertragliche Sicherungsmechanismen nutzt und alternative Transportlösungen vorhält, reduziert das Risiko eines unvorhergesehenen Ausfalls erheblich.

Die vollständige Aufschlüsselung der Insolvenzstatistik nach Wirtschaftszweigen bietet Destatis im Statistischen Bericht Insolvenzen 2025 auf der Themenseite Gewerbemeldungen und Insolvenzen.