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Kopfschutz im Lager: Schutzhelm oder Anstoßkappe und wann die DGUV welchen Schutz verlangt

Niedrige Querstreben an Mezzaninen, hervorstehende Regalträger, herabfallende Kartons aus dem Hochregal und pendelnde Lasten am Kran: Im Lagerbetrieb entstehen Kopfverletzungen häufig an Stellen, die im Arbeitsalltag als ungefährlich gelten. Die Entscheidung zwischen Industrieschutzhelm nach EN 397 und Anstoßkappe nach EN 812 fällt vielen Lagerverantwortlichen schwer, da die beiden Schutzkategorien grundlegend verschiedene Gefährdungen abdecken. Dieser Beitrag erläutert, welcher Kopfschutz für welchen Lagerbereich geeignet ist, was die DGUV Regel 112-193 vorgibt und welche Modelle sich im Logistikalltag bewährt haben.

Lagerarbeiter mit Schutzhelm in einem Hochregallager neben einem Gabelstapler mit angehobener Last

Schutzhelm und Anstoßkappe: Zwei Schutzkonzepte für unterschiedliche Risiken

Der wesentliche Unterschied zwischen Schutzhelm und Anstoßkappe liegt in der Art der Gefährdung, gegen die sie schützen. Ein Industrieschutzhelm nach DIN EN 397 ist dafür konzipiert, den Kopf vor herabfallenden, pendelnden, umfallenden und wegfliegenden Gegenständen zu schützen. Die Helmschale muss bei der Prüfung einen Aufprall von 5 kg aus einem Meter Höhe absorbieren, ohne dass die auf den Kopf übertragene Kraft 5 Kilonewton überschreitet. Zusätzlich wird die Durchdringungsfestigkeit gegenüber spitzen Gegenständen geprüft.

Eine Industrie-Anstoßkappe nach DIN EN 812 schützt dagegen ausschließlich vor dem Anstoßen an feststehende oder hervorstehende Gegenstände. Sie bietet weder Schutz vor herabfallenden Lasten noch vor pendelnden Objekten. Die DGUV-FAQ zum Kopfschutz stellt dies unmissverständlich klar: Anstoßkappen dürfen nur dort eingesetzt werden, wo die Gefährdungsbeurteilung keine Risiken durch herabfallende oder fliegende Gegenstände ergeben hat. Als Ersatz für einen Industrieschutzhelm sind sie nicht zulässig.

EN 397 vs. EN 812: Die technischen Anforderungen im Überblick

Kriterium Schutzhelm (EN 397) Anstoßkappe (EN 812)
Schutz gegen herabfallende Gegenstände ja (5 kg aus 1 m Höhe, max. 5 kN) nein
Durchdringungsfestigkeit (spitze Objekte) ja (3 kg konischer Dorn) nein
Schutz gegen Anstoßen an feste Gegenstände ja ja
Flammbeständigkeit ja (Grundanforderung) optional
Elektrische Isolierung (optional) bis 440 V AC bis 440 V AC (optional)
Seitliche Dämpfung (LD, optional) ja (bei EN 397 mit LD-Zusatz) nein
Gewicht (typisch) 300–450 g 150–280 g
Trageakzeptanz geringer (Gewicht, Optik) höher (Cap-Design, leicht)
Kombination mit Gehörschutz/Visier ja (Euroslot-Aufnahmen) eingeschränkt
Preis (Richtwert) 15–60 € 15–35 €
PSA-Kategorie II (mit LD oder 440 V: III) II

Seit Juli 2025 liegt die überarbeitete EN 397:2025 vor, die zwei Helmtypen einführt. Typ 1 bietet ein Leistungsniveau vergleichbar mit der bisherigen Norm. Typ 2 wird bei einer höheren Aufprallenergie (98 statt 49 Joule) geprüft und eignet sich für Arbeitsplätze mit besonders hohem Risiko durch herabfallende Gegenstände aus großer Höhe. Die DGUV Regel 112-193 wurde 2025 ebenfalls überarbeitet, um diese neuen Leistungsstandards abzubilden.

Fünf Lagerbereiche und der jeweils richtige Kopfschutz

Hochregallager mit Staplerbetrieb

In Lagerbereichen, in denen Gabelstapler Paletten in Regalhöhen von vier Metern und mehr ein- und auslagern, besteht ein reales Risiko durch herabfallende oder verrutschende Ladungseinheiten. Ein Karton, der aus fünf Metern Höhe auf den Kopf trifft, erzeugt eine Aufprallkraft, die weit über das Schutzlevel einer Anstoßkappe hinausgeht. Hier ist ein Industrieschutzhelm nach EN 397 vorgeschrieben. Für Lagerbereiche, in denen Gegenstände aus besonders großer Höhe (über fünf Meter) herabfallen können, empfiehlt sich nach der neuen Norm ein Typ 2 Helm mit erhöhter Stoßdämpfung.

Mezzanin-Ebenen und Zwischengeschosse

Auf Zwischenebenen (Mezzaninen) sind niedrige Durchgangshöhen, hervorstehende Stahlträger und tiefhängende Beleuchtungen die häufigsten Ursachen für Kopfverletzungen. Die Gefährdung besteht primär im Anstoßen an feststehende Gegenstände, nicht durch herabfallende Lasten. Sofern die Gefährdungsbeurteilung keine zusätzlichen Risiken durch fallende Teile ergibt, kann hier eine Anstoßkappe nach EN 812 ausreichen. Uvex bietet mit der uvex u-cap sport eine leichte Kappe im sportlichen Design, die optisch einer Baseballcap ähnelt und dadurch eine deutlich höhere Trageakzeptanz erreicht als ein klassischer Helm. Die integrierte Hartschale im Armadillo-Design mit Wabenstruktur bietet zertifizierten EN 812-Schutz bei geringem Gewicht.

Kommissioniergänge unter Fachbodenregalen

Zwischen eng gestellten Fachbodenregalen kommt es regelmäßig vor, dass Mitarbeiter beim Bücken und Aufrichten mit dem Kopf an Regalböden oder hervorstehende Warenträgern stoßen. Auch hier ist in der Regel eine Anstoßkappe ausreichend, sofern keine schweren Gegenstände von oben herabfallen können. Für Betriebe, deren Mitarbeiter die Kappe den ganzen Tag tragen, bietet die Variante uvex u-cap sport vent mit luftigem Mesh-Gewebe eine verbesserte Belüftung. MSA bietet mit dem V-Gard bump cap eine Alternative in klassischer Bauform, JSP mit dem HardCap A1+ ein Modell mit besonders flachem Profil.

Ladezone unter Hallenkranen

Wo Hallenkrane, Laufkatzen oder Hebezeuge im Einsatz sind, besteht ein Risiko durch pendelnde und herunterfallende Lasten. Hier reicht eine Anstoßkappe nicht aus. Ein Industrieschutzhelm nach EN 397 ist Pflicht. Für Bereiche, in denen gleichzeitig Höhenarbeiten stattfinden (etwa an Regalkonstruktionen oder Mezzaninen), empfehlen sich Helme, die zusätzlich zur EN 397 die EN 12492 (Bergsteigerhelm) erfüllen. Uvex bietet mit dem uvex pheos alpine einen Helm, der beide Normen in einem Modell vereint und sich über Euroslot-Aufnahmen mit Gehörschutz, Visier oder Stirnlampe erweitern lässt.

Versand- und Verladebereiche im Freien

Auf Außenverladeflächen, wo Containerbrücken, Krane oder Ladebühnen im Einsatz sind, besteht Helmtragepflicht nach EN 397. Zusätzlich sollte der Helm über UV-Beständigkeit des Schalenmaterials verfügen, da Sonneneinstrahlung thermoplastische Kunststoffe wie Polyethylen (PE) im Laufe der Zeit spröde macht. ABS- und Polycarbonat-Schalen sind UV-resistenter und bieten eine längere Lebensdauer im Außeneinsatz. Wer bei Dämmerung oder nachts auf dem Verladehof arbeitet, profitiert von Helmen in Signalfarben oder mit Reflexpaspeln. Uvex bietet die u-cap sport hi-viz in leuchtgelb und leuchtorange an, die nach EN 471 als Ergänzung zur Warnschutzkleidung zertifiziert ist.

Herstellervergleich: Schutzhelme und Anstoßkappen für den Lagereinsatz

Hersteller / Modell Typ Norm Gewicht (ca.) Besonderheiten Preis (netto)
uvex u-cap sport Anstoßkappe EN 812 200 g Armadillo-Hartschale mit Wabenstruktur, sportliches Cap-Design, individuell bestickbar 18–28 €
uvex u-cap sport vent Anstoßkappe EN 812 190 g Mesh-Gewebe für verbesserte Belüftung, waschbar, drei Größenbereiche 20–30 €
uvex pheos alpine Schutzhelm EN 397 + EN 12492 390 g Doppelnorm für Industrie und Höhenarbeit, Euroslot-Aufnahmen, Kinnriemen inklusive 35–55 €
uvex airwing Schutzhelm EN 397 340 g Sechs-Punkt-Textilbandausstattung, Drehrad-Weitenverstellung, Euroslot für Helmkapseln 20–35 €
MSA V-Gard 520 Schutzhelm EN 397 360 g Fas-Trac III Innenausstattung, breites Zubehörprogramm, weit verbreitet in der Industrie 15–30 €
3M Peltor G3000 Schutzhelm EN 397 310 g Besonders leicht, belüftet, Uvicator-Anzeige für UV-Alterung der Schale 20–35 €
JSP EVO3 Comfort Plus Schutzhelm EN 397 350 g Revolution-Wheel-Verstellung, OneTouch-Slip-Ratchet, gutes Preis-Leistungs-Verhältnis 12–22 €
Voss Helme INAP-Master Schutzhelm EN 397 380 g Made in Germany, breite Farbauswahl, bewährt im Lager- und Produktionsbereich 12–25 €

Trageakzeptanz: Warum viele Lagerarbeiter den Helm ablegen

Kopfschutz hat im Lagerbereich häufig ein Akzeptanzproblem. Mitarbeiter empfinden Helme als schwer, warm und störend, insbesondere bei Temperaturen über 25 °C in schlecht klimatisierten Hallen. Im Unterschied zur Baustelle, wo Helme als selbstverständlich gelten, wird im Lager oft argumentiert, dass die Gefährdung nicht sichtbar genug sei. Die Folge: Helme werden abgesetzt oder erst gar nicht aufgesetzt.

Drei Maßnahmen haben sich in der Praxis bewährt. Erstens die Wahl eines möglichst leichten Modells: Der Unterschied zwischen einem 310-Gramm-Helm (wie dem 3M G3000) und einem 450-Gramm-Modell ist über eine volle Schicht deutlich spürbar. Zweitens die Nutzung belüfteter Modelle mit Lüftungsöffnungen oder Mesh-Einsätzen, die den Hitzestau unter der Schale reduzieren. Drittens der Einsatz von Anstoßkappen in Bereichen, in denen die Gefährdungsbeurteilung keinen EN 397-Helm verlangt. Anstoßkappen im Cap-Design, wie die uvex u-cap sport oder die JSP HardCap A1+, werden von Mitarbeitern deutlich eher akzeptiert als klassische Helme, weil sie optisch einem normalen Basecap ähneln.

Für Betriebe mit Marken- oder Corporate-Design-Anforderungen bieten mehrere Hersteller die Möglichkeit, Anstoßkappen individuell zu besticken oder Helme in Firmenfarben zu liefern. Uvex ermöglicht bei der u-cap Serie eine individuelle Bestickung, die das Zugehörigkeitsgefühl der Mitarbeiter stärkt und gleichzeitig den Kopfschutz zum sichtbaren Teil der Unternehmensidentität macht.

Lebensdauer und Austauschintervalle

Die Lebensdauer von Schutzhelmen hängt vom Schalenmaterial und den Einsatzbedingungen ab. Thermoplastische Schalen aus Polyethylen (PE) altern unter UV-Einfluss und sollten nach vier Jahren ab Herstellungsdatum ausgetauscht werden, auch wenn keine sichtbaren Schäden vorliegen. ABS- und Polycarbonat-Schalen sind UV-resistenter und können je nach Herstellerangabe fünf bis acht Jahre eingesetzt werden. Duroplastische Schalen (glasfaserverstärkter Polyester) sind besonders alterungsbeständig und halten häufig über zehn Jahre.

Unabhängig vom Material muss ein Helm nach jedem starken Aufprall ersetzt werden, auch wenn äußerlich keine Beschädigung sichtbar ist. Die Helmschale absorbiert Energie durch partielle Verformung. Nach einem Aufprall kann die Schutzwirkung bei einem zweiten Schlag erheblich reduziert sein. Das Herstellungsdatum ist auf der Helminnenseite eingeprägt oder aufgedruckt. Ein einfacher Kontrollvermerk (Ausgabedatum, Zustand) im Helminneren erleichtert die Nachverfolgung im Schichtbetrieb.

Checkliste: Kopfschutz im Lagerbetrieb organisieren

Auswahl-Checkliste für Lagerleiter und Sicherheitsbeauftragte

☐ Gefährdungsbeurteilung pro Lagerbereich: Risiko durch herabfallende Gegenstände (EN 397) oder nur Anstoßgefahr (EN 812)?
☐ Hochregalbereiche mit Staplerbetrieb: EN 397 Helm vorgeschrieben
☐ Mezzanin-Ebenen und Fachbodenregalgänge: EN 812 Anstoßkappe häufig ausreichend
☐ Kranbereiche und Verladezonen: EN 397 Helm, ggf. mit LD (seitliche Dämpfung)
☐ Höhenarbeiten an Regalkonstruktionen: EN 397 + EN 12492 Kombination erforderlich
☐ Außenbereiche: UV-beständiges Schalenmaterial (ABS oder PC statt PE) wählen
☐ Zubehörbedarf geprüft: Gehörschutzkapseln, Visier, Stirnlampe, Kinnriemen (Euroslot-Kompatibilität)
☐ Belüftete Modelle für warme Hallen bevorzugt (Lüftungsschlitze, Mesh-Einsätze)
☐ Gewicht berücksichtigt: unter 350 g für ganztägige Tragezeit
☐ Austauschintervall festgelegt: PE-Schalen nach vier Jahren, ABS/PC nach fünf bis acht Jahren
☐ Kennzeichnung im Helm: Ausgabedatum, Mitarbeitername, Kontrolldatum
☐ Betriebsanweisung erstellt, Helmzonen im Lager klar gekennzeichnet (Gebotsschild M014)