Warum 1-Personen-Gerüste eine eigene Produktkategorie bilden
Die Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) und die TRBS 2121-1 schreiben vor, dass fahrbare Gerüste bei Auf- und Abbau einen vorlaufenden Seitenschutz bieten müssen. Bei konventionellen Rollgerüsten bedeutet das in der Praxis: Eine Person baut auf, eine zweite reicht Bauteile an und sichert. Für einen Installateur, der allein beim Kunden arbeitet, oder einen Facility-Techniker, der in einer leeren Lagerhalle Beleuchtung warten muss, ist diese Anforderung oft nicht umsetzbar.
Die Hersteller haben darauf mit einer neuen Gerüstkategorie reagiert: Fahrgerüsten, deren Konstruktion den Aufbau so vorgibt, dass eine einzelne Person sich zu keinem Zeitpunkt ungesichert auf der nächsthöheren Ebene befindet. Die Systeme unterscheiden sich erheblich in Aufbaumethode, Arbeitshöhe, Plattformgröße und Preis. Die BG BAU fördert mehrere dieser Gerüste im Rahmen ihrer Arbeitsschutzprämien, was die Anschaffung für Mitgliedsbetriebe wirtschaftlich attraktiver macht.
Die vier relevanten Systeme auf dem deutschen Markt
Im professionellen Segment haben sich vier Gerüstkonzepte für den 1-Personen-Aufbau etabliert, die jeweils unterschiedliche konstruktive Ansätze verfolgen.
Altrex MiTower und MiTower Plus
Der Altrex MiTower kam 2014 als erstes speziell für den 1-Personen-Aufbau konstruiertes Fahrgerüst auf den Markt. Die Konstruktion basiert auf einem Aufhängemechanismus in den Plattformen, der es ermöglicht, Bauteile beim Aufstieg mitzunehmen, ohne die Hände zum Festhalten zu benötigen. Doppelte Geländerstreben und ein Klauen-System erzwingen eine Aufbaureihenfolge, die den Nutzer zu keinem Zeitpunkt ungesichert lässt. Der MiTower erreicht Arbeitshöhen von 4,20 bis 6,20 m, der MiTower Plus erweitert den Bereich auf 8,20 m und erlaubt die gleichzeitige Nutzung durch zwei Personen.
Ein besonderes Merkmal ist die Trolley-Funktion: Nach dem Abbau lassen sich die Gerüstteile zu einem rollbaren Wagen zusammenstellen, der durch Standardtüren (ab 0,80 m Breite) passt. Die Transportmaße des MiTower betragen 120 × 75 × 158 cm, die des MiTower Plus 165 × 75 × 210 cm. Optional bietet Altrex das MiTower Stairs Modul für den Einsatz in Treppenhäusern sowie die MiTower Bridge, die zwei Gerüsttürme zu einem 4 m langen Steg verbindet.
Layher SoloTower
Der Layher SoloTower aus dem Hause Layher Steigtechnik in Güglingen-Eibensbach verfolgt einen anderen konstruktiven Ansatz. Der Aufbau erfolgt nach der sogenannten 3-T-Methode (Through The Trapdoor): Der Nutzer steigt durch die Durchstiegsluke auf die nächste Ebene und befindet sich dank vormontierter Doppelgeländer sofort im gesicherten Bereich. Die bewährte Layher-Einrastklaue ermöglicht werkzeuglose Montage aller Bauteile.
Der SoloTower ist in drei Höhenvarianten erhältlich (Arbeitshöhe 4,15 m, 5,15 m und 6,15 m) und bietet eine Arbeitsfläche von 0,75 × 1,13 m. Das Gesamtgewicht liegt bei rund 119 kg. Ein wesentlicher Pluspunkt für Betriebe, die bereits Layher-Gerüste im Bestand haben: Die Standleitern des SoloTowers sind kompatibel mit den Fahrgerüsten Zifa, Uni Standard und Uni Leicht, was die Investition in das Layher-Baukastensystem amortisiert.
MUNK Günzburger ML Faltgerüst
Einen dritten Ansatz verfolgt MUNK Günzburger Steigtechnik mit dem ML Faltgerüst. Statt einzelner Rahmenelemente arbeitet dieses Gerüst mit einem Klapprahmen und selbstarretierenden Scharnieren. Der Aufbau beschränkt sich im Wesentlichen auf das Aufklappen des Rahmens und das Einhängen der Plattform. Die maximale Arbeitshöhe liegt bei 3,00 bis 5,00 m (je nach Konfiguration mit Teleskopauslegern), was das ML Faltgerüst für niedrigere Einsätze prädestiniert.
Der Vorteil des Klappkonzepts liegt im besonders kompakten Lagermaß und in der kurzen Aufbauzeit. Da der Rahmen als ein Stück zusammengeklappt wird, entfällt das Sortieren und Zuordnen einzelner Streben und Geländer. Für Betriebe, die das Gerüst häufig im aufgebauten Zustand durch Türen verschieben müssen, ist das ML Faltgerüst dank serienmäßiger Lenkrollen und seiner schmalen Bauform eine praktische Wahl. MUNK gewährt auf alle Steigtechnik-Produkte eine 15-jährige Garantie, was für Langlebigkeit spricht.
Krause ClimTec und ProTec XS
Krause bietet mit dem ClimTec und dem ProTec XS Faltgerüst zwei weitere Optionen für den kompakten Einsatz. Das ProTec XS ist als Faltgerüst konzipiert und erreicht Arbeitshöhen ab 3,80 m. Das ClimTec-System lässt sich modular auf bis zu 6,00 m Arbeitshöhe erweitern. Preislich positioniert sich Krause deutlich unter den Premiumherstellern: Ein ClimTec-Gerüst mit 5,00 m Arbeitshöhe ist ab rund 1.040 Euro erhältlich, ein ProTec XS Faltgerüst ab etwa 1.030 Euro. Damit richtet sich Krause an preisbewusste Betriebe und Einsteiger, die ein solides Gerüst ohne die modularen Erweiterungsmöglichkeiten der Premiumsysteme benötigen.
Vergleichstabelle: 1-Personen-Gerüste im Überblick
| Kriterium | Altrex MiTower | Altrex MiTower Plus | Layher SoloTower | MUNK ML Faltgerüst | Krause ClimTec |
|---|---|---|---|---|---|
| Max. Arbeitshöhe | 6,20 m | 8,20 m | 6,15 m | 5,00 m | 6,00 m |
| Plattformmaße | 0,75 × 1,20 m | 0,75 × 1,65 m | 0,75 × 1,13 m | 0,75 × 1,80 m | 0,60 × 2,00 m |
| Aufbauzeit (Herstellerangabe) | ca. 10 Min. | ca. 12 Min. | ca. 15 Min. | ca. 5 Min. | ca. 20 Min. |
| Nutzung durch 2 Personen | Nein | Ja | Nein | Nein | Nein |
| Trolley-/Transportwagen-Funktion | Ja (aus Eigenteilen) | Ja (aus Eigenteilen) | Ja (aus Eigenteilen) | Nein (zusammenklappbar) | Nein |
| Vormontagegeländer | Optional (Safe-Quick®) | Optional (Safe-Quick®) | Vormontierte Doppelgeländer | Selbstarretierend | Nicht verfügbar |
| Treppenhausmodul | Ja (MiTower Stairs) | Ja (MiTower Stairs) | Nein | Nein | Nein |
| BG BAU förderfähig | Ja (Safe-Quick® Variante) | Ja (Safe-Quick® Variante) | Ja | Auf Anfrage | Nein |
| Norm | DIN EN 1004 | DIN EN 1004 | DIN EN 1004 | DIN EN 1004 | DIN EN 1004 |
| Preisbereich (netto, ca.) | ab 1.800 € | ab 2.500 € | ab 2.500 € | ab 800 € | ab 1.040 € |
| Fertigung | Niederlande | Niederlande | Deutschland | Deutschland | Deutschland/Polen |
Aufbaumethoden im Detail: Wo die Unterschiede liegen
Die vier Systeme unterscheiden sich grundlegend in der Art, wie sie den sicheren 1-Personen-Aufbau gewährleisten. Beim Altrex MiTower sorgt ein Aufhängemechanismus dafür, dass der Nutzer Bauteile an Haken aufhängen und so beide Hände zum Steigen frei hat. Das Klauen-System erzwingt die korrekte Aufbaureihenfolge konstruktiv, nicht nur durch Anleitung.
Der Layher SoloTower setzt auf die 3-T-Methode und die werkzeuglose Einrastklaue, die Layher-Anwender aus dem konventionellen Gerüstbau kennen. Der Montagehaken ermöglicht die Mitnahme einzelner Bauteile von Ebene zu Ebene. Der Vorteil für Betriebe mit bestehendem Layher-Bestand: Die Verbindungstechnik ist identisch, die Lernkurve für geschultes Personal entsprechend flach.
Das MUNK ML Faltgerüst reduziert den Aufbauprozess auf das Minimum: Klapprahmen aufstellen, Scharniere arretieren, Plattform einhängen. Die Aufbauzeit von rund fünf Minuten ist die kürzeste im Vergleich. Allerdings ist die maximale Arbeitshöhe entsprechend begrenzt. Für Betriebe, die überwiegend in Höhen bis 3 m arbeiten (Deckenarbeiten, Kabelkanäle, Beleuchtungswartung), ist das Faltgerüst oft die effizienteste Lösung.
BG BAU Förderung: Bis zu 25 % zurück auf die Anschaffung
Die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft fördert die Anschaffung sicherer Gerüstsysteme über ihr Arbeitsschutzprämien-Programm. Die beitragsabhängige Förderung beträgt bis zu 25 % der Anschaffungskosten, die Förderhöchstsumme richtet sich nach der Beitragsstufe des Betriebs. Für den Bereich Absturzprävention gibt es zusätzlich eine beitragsunabhängige Förderung von bis zu 5.000 Euro, sofern Führungskräfte am BG BAU Seminar „Absturzprävention" (Seminar 1630) teilgenommen haben.
Konkret förderfähig sind der Altrex MiTower und MiTower Plus in der Safe-Quick® Variante sowie der Layher SoloTower. Beim SoloTower berichtet der Fachhändler Profi Steigsysteme von einer Förderung von maximal 500 Euro bei einem Kaufpreis von rund 2.300 Euro. Für Betriebe, die nicht BG BAU Mitglied sind (etwa Industrieunternehmen bei der BGHM oder BGN), gelten die Förderprogramme der eigenen Berufsgenossenschaft. Eine Nachfrage beim zuständigen Unfallversicherungsträger lohnt sich, da mehrere Berufsgenossenschaften vergleichbare Zuschüsse anbieten.
Einsatzszenarien: Welches Gerüst passt zu welchem Betrieb?
Elektroinstallateur und SHK-Betrieb (1 bis 5 Mitarbeiter)
Der typische Einsatz: Ein Techniker fährt allein zum Kunden, muss Beleuchtung montieren oder Lüftungskanäle warten. Arbeitshöhe bis 5 m, wechselnde Einsatzorte, das Gerüst muss im Transporter Platz finden. Der Altrex MiTower oder der Layher SoloTower sind hier die naheliegenden Optionen. Beide passen als Trolley in gängige Nutzfahrzeuge und lassen sich in 10 bis 15 Minuten aufbauen. Die Entscheidung zwischen beiden Systemen fällt oft zugunsten des Herstellers, dessen Produkte im Betrieb bereits vorhanden sind.
Facility Management in Bürogebäuden und Einkaufszentren
Hier dominieren Arbeiten im Bereich 2,50 bis 4,00 m: Deckenpaneele tauschen, Rauchmelder prüfen, Kabeltrassen verlegen. Das MUNK ML Faltgerüst ist für dieses Einsatzprofil oft die effizienteste Lösung, weil es in unter fünf Minuten steht und im aufgebauten Zustand durch Standardtüren passt. Wird gelegentlich mehr Höhe benötigt, ist eine Kombination aus Faltgerüst für den Alltag und einem MiTower oder SoloTower für die seltenen Einsätze über 4 m wirtschaftlich sinnvoll.
Industriewartung in Produktionshallen
In der Industrie sind Arbeitshöhen bis 8 m keine Seltenheit. Hier kommt der Altrex MiTower Plus in Betracht, der als einziges Gerüst im Vergleich sowohl den 1-Personen-Aufbau als auch die Nutzung durch zwei Personen gleichzeitig erlaubt. Für Betriebe, die regelmäßig Treppenhausarbeiten durchführen, ist das MiTower Stairs Modul ein Alleinstellungsmerkmal, das kein anderer Hersteller in dieser Form anbietet.
Prüfpflichten und Dokumentation
Auch 1-Personen-Gerüste sind Arbeitsmittel im Sinne der BetrSichV und unterliegen der Prüfpflicht nach §14. Die DGUV Information 208-016 gibt praxisnahe Hinweise zur Prüfung von tragbaren Leitern und Tritten. Für Fahrgerüste gelten die Anforderungen der TRBS 2121-1 in Verbindung mit der TRBS 1203 (Anforderungen an die befähigte Person).
In der Praxis bedeutet das: Vor jeder Benutzung hat der Nutzer eine Sichtprüfung durchzuführen. Mindestens einmal jährlich muss eine befähigte Person das Gerüst systematisch prüfen und die Ergebnisse dokumentieren. Die Prüfintervalle legt der Arbeitgeber auf Grundlage der Gefährdungsbeurteilung fest. Altrex unterstützt die Dokumentation mit einem QR-Code auf den Plattformen, der zur digitalen Aufbauanleitung führt. Layher bietet umfangreiche technische Dokumentationen zum Download an.
Kostenvergleich: Was der Ein-Mann-Einsatz wirklich spart
Die Wirtschaftlichkeit eines 1-Personen-Gerüsts bemisst sich nicht allein am Anschaffungspreis, sondern an den eingesparten Personalkosten. Ein konventionelles Fahrgerüst erfordert für Auf- und Abbau zwei Personen. Bei einem durchschnittlichen Stundensatz von 45 Euro brutto (inkl. Lohnnebenkosten) und einer Auf-/Abbauzeit von 30 Minuten pro Einsatz fallen pro Einsatz rund 45 Euro Zusatzkosten für die zweite Person an. Bei 100 Einsätzen pro Jahr summiert sich das auf 4.500 Euro.
Ein MiTower (ab ca. 1.800 Euro netto) oder SoloTower (ab ca. 2.500 Euro netto) amortisiert sich in dieser Rechnung bereits im ersten Jahr. Hinzu kommt die BG BAU Förderung von bis zu 500 Euro, die den effektiven Kaufpreis weiter senkt. Selbst das teurere MiTower Plus (ab ca. 2.500 Euro netto) rechnet sich bei häufigem Einsatz innerhalb weniger Monate.
Der Vergleich zeigt aber auch: Für Betriebe mit weniger als 20 Gerüsteinsätzen pro Jahr und ohnehin verfügbarem Zweitpersonal kann ein konventionelles Fahrgerüst (ab ca. 1.300 Euro für ein Layher Zifa) die günstigere Wahl bleiben. Die Entscheidung hängt letztlich von der betrieblichen Einsatzhäufigkeit und der Personalverfügbarkeit ab.
Zukunftstrend: Integration von digitaler Prüfdokumentation
Alle führenden Hersteller setzen zunehmend auf digitale Hilfsmittel für Aufbauanleitungen und Prüfdokumentation. Altrex stattet seine Gerüste mit Mobile Safety QR-Codes aus, über die die Aufbauanleitung und ein Aufbauvideo direkt auf dem Smartphone abrufbar sind. Layher bietet mit dem LayPLAN Fahrgerüst-Konfigurator ein Online-Tool, das auf Basis von Arbeitshöhe und Arbeitsfläche automatisch die passende Konfiguration vorschlägt. Für Betriebsleiter und Einkäufer vereinfacht das die Beschaffung und stellt sicher, dass das bestellte Gerüst den tatsächlichen Anforderungen entspricht.
Checkliste: 1-Personen-Fahrgerüst beschaffen
✓ Maximale Arbeitshöhe für den häufigsten Einsatzfall ermitteln (nicht den Extremfall)
✓ Transportmaße mit dem Firmenfahrzeug abgleichen (Ladefläche, Türbreite)
✓ Prüfen, ob 2-Personen-Nutzung gelegentlich erforderlich ist (nur MiTower Plus)
✓ Vorhandenen Gerätebestand prüfen: Layher-Bestand spricht für SoloTower (Bauteilkompatibilität)
✓ BG BAU Mitgliedschaft und Förderfähigkeit klären (bis 25 % Zuschuss, max. 500 Euro)
✓ Bei anderen Berufsgenossenschaften (BGHM, BGN) nach vergleichbaren Förderprogrammen fragen
✓ DIN EN 1004 Konformität und TÜV-Prüfung des gewählten Modells bestätigen
✓ Befähigte Person für die jährliche Prüfung benennen und Prüfintervalle festlegen
✓ Aufbauanleitung in deutscher Sprache und Unterweisungsnachweis sicherstellen
✓ Amortisationsrechnung erstellen: Eingesparte Personalkosten vs. Anschaffungspreis