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Ergonomie in der manuellen Kommissionierung: Wie Kommissionierwagen Gesundheit und Leistung beeinflussen

In der manuellen Kommissionierung verbringt ein Mitarbeiter den größten Teil der Schicht gehend und einen meist beladenen Kommissionierwagen schiebend. Diese Dauerbelastung wirkt unmittelbar auf den Hand-Arm-Schulter-Bereich und den unteren Rücken und ist eine der häufigsten Ursachen arbeitsbedingter Beschwerden im Lager. Welcher Wagen dabei eingesetzt wird, ist deshalb keine Frage des Komforts, sondern der wirksamste Hebel auf die körperliche Belastung. Dieser Beitrag zeigt, was beim Ziehen und Schieben im Körper passiert, wie die Belastung bewertet wird und wie die Wagengestaltung sie senkt.

Kommissionierer schiebt einen ergonomischen Kommissionierwagen mit mehreren Fächern durch einen Lagergang

Die unterschätzte Dauerbelastung im Lager

Wenn über die Effizienz der Kommissionierung gesprochen wird, geht es meist um Wegzeiten, Pickleistung und Strategien wie das Multi-Order-Picking. Diese organisatorische Sicht ist wichtig, sie übersieht aber eine zweite Dimension, die langfristig ebenso über die Wirtschaftlichkeit entscheidet: die körperliche Belastung der Beschäftigten. Wer Wegzeiten und Methoden optimieren möchte, findet dazu Ansätze in unserem Beitrag zur Optimierung der Kommissionierung. Dieser Beitrag widmet sich der ergonomischen Seite.

Ein Kommissionierer legt pro Schicht mehrere Kilometer zu Fuß zurück und schiebt dabei einen Wagen, der mit jeder Entnahme schwerer wird. Hinzu kommen das wiederholte Greifen in unterschiedlichen Höhen, das Bücken zu tiefen Fächern und das Hochstrecken zu oberen Regalebenen. In der Summe entsteht eine Dauerbelastung, die sich über Monate und Jahre aufsummiert und nicht selten in chronischen Beschwerden mündet.

Diese Belastung ist betriebswirtschaftlich relevant. Arbeitsbedingte Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems gehören zu den häufigsten Ursachen für Fehlzeiten. Jeder Ausfall kostet Produktivität, jede dauerhafte Einschränkung erschwert den altersgerechten Einsatz erfahrener Mitarbeiter. Die ergonomische Gestaltung des Kommissionierarbeitsplatzes ist deshalb kein weiches Wohlfühlthema, sondern ein harter Faktor für Verfügbarkeit und Leistung.

Hinzu kommt die demografische Entwicklung. Die Belegschaften in Lager und Logistik altern, und körperlich fordernde Tätigkeiten lassen sich von älteren Beschäftigten oft nur dann ausüben, wenn die Belastung niedrig gehalten wird. Eine alternsgerechte Arbeitsgestaltung, die die körperliche Beanspruchung systematisch senkt, ist damit auch eine Antwort auf den Fachkräftemangel. Wer die Belastung reduziert, erweitert den Kreis der Personen, die eine Tätigkeit über viele Jahre gesund ausüben können, und bindet Erfahrungswissen länger an den Betrieb.

Was beim Ziehen und Schieben im Körper passiert

Das Schieben und Ziehen eines Wagens beansprucht nahezu alle Teile des Muskel-Skelett-Systems, besonders den Hand-Arm-Schulter-Bereich sowie den unteren Rücken. Wie die Berufsgenossenschaft Verkehr darlegt, entsteht für die Wirbelsäule eine besonders hohe Beanspruchung, wenn ruckartige oder schnelle Bewegungen beim Verziehen eines Arbeitsmittels auftreten. Langsames, kontrolliertes Manövrieren belastet deutlich weniger als ein Anreißen aus dem Stand.

Entscheidend ist dabei nicht nur das reine Vorwärtsschieben, sondern auch das Anfahren und das Abbremsen. Die größte Kraft ist erforderlich, um einen stehenden, beladenen Wagen in Bewegung zu setzen. Ist die Anfahrkraft zu hoch, etwa weil die Rollen schwergängig sind oder der Boden uneben ist, weicht der Körper in ungünstige Haltungen aus, stemmt sich mit gekrümmtem Rücken gegen den Wagen und belastet die Wirbelsäule einseitig.

Hoher Kraftaufwand in Verbindung mit einer dauerhaft ungünstigen Körperhaltung führt nach den Erkenntnissen der Arbeitsmedizin zu vorzeitiger Ermüdung und zu Beschwerden im unteren Rücken, in den Knien, den Hüftgelenken und im Schulterbereich. Bei hohen Belastungsspitzen kann zusätzlich das Herz-Kreislauf-System beansprucht werden. Die Belastung hängt also von mehreren Größen gleichzeitig ab, nicht allein vom Gewicht der Ladung.

Eine dieser Größen wird besonders häufig unterschätzt: die Beschaffenheit des Fahrwegs. Fugen, Schwellen, Rampen, Gefälle und verschmutzte Böden erhöhen den nötigen Kraftaufwand erheblich und erzwingen genau die ruckartigen Bewegungen, die für die Wirbelsäule am ungünstigsten sind. Fahrweg und Wagen wirken dabei zusammen: Kleine, harte Rollen bleiben an jeder Fuge hängen, während größere Rollen mit gutem Lager dieselbe Unebenheit fast unbemerkt überrollen. Wer die körperliche Belastung senken will, muss deshalb beide Seiten betrachten, den Zustand der Böden und die Ausstattung der Wagen.

Wie sich die Belastung beurteilen lässt

Für die objektive Bewertung dieser Belastung stellt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin die Leitmerkmalmethode Ziehen und Schieben bereit, kurz LMM-ZS. Sie wurde 2019 überarbeitet und erlaubt eine systematische Einschätzung, wie wahrscheinlich eine körperliche Überbeanspruchung bei einer konkreten Tätigkeit ist.

Die Methode bewertet mehrere sogenannte Leitmerkmale und gewichtet sie. Dazu gehören die Art des Flurförderzeugs und das Lastgewicht, die Beschaffenheit des Fahrwegs, die Ausführungsbedingungen, die Eigenschaft und der Zustand des Flurförderzeugs sowie die Körperhaltung. Wie die BAuA beschreibt, ergibt die Addition dieser Wichtungen, multipliziert mit der Zeitwichtung, einen Punktwert, der einem Risikobereich zugeordnet wird. Die Lastwichtungen berücksichtigen dabei nicht nur die Vortriebskraft, sondern auch Anhebe-, Kipp-, Balancier- und Absetzkräfte.

Bemerkenswert ist, welche Merkmale die Methode in den Blick nimmt. Mit dem Fahrweg, dem Zustand des Wagens und der Körperhaltung sind drei der fünf Leitmerkmale unmittelbar von der Ausstattung und der Gestaltung des Wagens abhängig. Genau hier setzt die ergonomische Gestaltung an, denn sie verbessert mehrere der bewerteten Merkmale gleichzeitig.

Bei der Anwendung der Methode ist auf einige Feinheiten zu achten. Die Handlungsanleitung zur LMM-ZS legt der Bewertung eine ungefähre Laufgeschwindigkeit von 0,7 Metern pro Sekunde zugrunde, was etwa 2,5 Kilometern pro Stunde entspricht. Wer schneller unterwegs ist, erhöht die Beanspruchung. Die Anleitung weist zudem darauf hin, dass besondere Bauformen wie Karren mit Stützrädern oder Treppenkarren mit der Standardmethode nicht differenziert beurteilt werden können und gegebenenfalls eine genauere Betrachtung erfordern. Eine gute Kenntnis der tatsächlichen Tätigkeit ist deshalb für ein belastbares Ergebnis unverzichtbar.

Die Wagengestaltung als wirksamster Hebel

Aus den Leitmerkmalen lässt sich direkt ableiten, worauf es bei einem guten Kommissionierwagen ankommt. Der erste Punkt sind die Rollen. Hochwertige, leichtgängige Rollen mit gutem Lager und passendem Durchmesser senken die Anfahr- und die Vortriebskraft erheblich. Sie laufen auch über kleine Unebenheiten und Fugen leichter und reduzieren so genau die Spitzenkräfte, die der Wirbelsäule am meisten zusetzen.

Der zweite Punkt ist die Griffhöhe. Ein Schiebegriff in der richtigen Höhe erlaubt es, mit aufrechtem Oberkörper und aus den Beinen heraus zu schieben, statt sich mit gekrümmtem Rücken gegen den Wagen zu stemmen. Sind die Griffe dagegen zu hoch oder zu tief angebracht, entstehen ungünstige Hebelverhältnisse und zusätzliche Belastungen für Schultern und Rücken. Idealerweise ermöglichen sie ein Schieben mit leicht angewinkelten Armen und einer natürlichen Körperhaltung. Auch die Wendigkeit zählt: Ein Wagen, der sich um die eigene Achse drehen lässt, vermeidet das kraftaufwendige seitliche Verziehen in engen Gängen und verbessert damit ein weiteres Leitmerkmal der LMM-ZS.

Der dritte Punkt betrifft die Entnahmehöhen. Viele Wagen lassen sich mit verstellbaren Fachböden und Abteilern so konfigurieren, dass die häufig benötigten Artikel in einem ergonomisch günstigen Greifbereich zwischen Hüfte und Schulter liegen. Ein in den Wagen integrierter Tritt oder eine kleine Leiter, ein Merkmal, mit dem skandinavische Hersteller wie Helge Nyberg bekannt geworden sind, erlaubt das sichere Erreichen oberer Regalebenen, ohne dass ein separater Tritthocker geholt und das Gleichgewicht riskiert werden muss.

Ein vierter, oft übersehener Aspekt ist das Gewicht des Wagens selbst. Jedes Kilogramm Eigengewicht muss bei jedem Anfahren mitbeschleunigt werden, weshalb ein unnötig schwerer Grundwagen die Belastung über die gesamte Schicht erhöht. Schwedische Hersteller setzen deshalb auf leichte, aber verwindungssteife Stahlrohrkonstruktionen, die Stabilität und geringes Eigengewicht verbinden. Auch die Möglichkeit, mehrere Wagen zu einem Zug zu kuppeln und bei Bedarf an einen Elektroschlepper anzuhängen, entlastet auf langen Strecken, ohne dass die Flexibilität des manuellen Einsatzes in den Gängen verloren geht.

Vom Leitmerkmal zur Gestaltungsmaßnahme

Die folgende Tabelle übersetzt die Leitmerkmale der LMM-ZS in konkrete Gestaltungsmaßnahmen am Wagen und zeigt, welche Belastung damit jeweils gesenkt wird.

Leitmerkmal Gestaltungsmaßnahme Gesenkte Belastung
Zustand des Wagens Leichtgängige Rollen, gute Lager Anfahr- und Vortriebskraft
Körperhaltung Richtige Griffhöhe, aufrechtes Schieben Wirbelsäule, Schulterbereich
Ausführungsbedingungen Wendigkeit, Drehen um die eigene Achse Seitliche Verziehkräfte
Körperhaltung beim Greifen Verstellbare Fachböden, integrierter Tritt Bücken, Überstrecken, Sturzrisiko
Lastgewicht Sinnvolle Beladung, mehrere kleine Fächer Gesamtkraft pro Vorgang

Die Tabelle macht den Kern der Sache sichtbar. Ein einziges Arbeitsmittel, der Wagen, wirkt zugleich auf mehrere Merkmale, die über die körperliche Belastung entscheiden. Das ist der Grund, warum die Auswahl des richtigen Wagens ein so wirksamer Hebel ist und weshalb sie nicht dem Zufall oder allein dem Preis überlassen werden sollte.

Die Pflicht des Arbeitgebers

Die ergonomische Gestaltung ist nicht nur wirtschaftlich sinnvoll, sondern auch rechtlich verankert. Die Lastenhandhabungsverordnung verpflichtet den Arbeitgeber, manuelle Lastenhandhabungen mit Gefährdungspotenzial möglichst zu vermeiden. Lassen sie sich nicht vermeiden, muss er auf Grundlage der Gefährdungsbeurteilung geeignete Maßnahmen treffen, um die Gefährdung so gering wie möglich zu halten.

In der Praxis bedeutet das eine klare Reihenfolge nach dem TOP-Prinzip: Zuerst sind technische Maßnahmen zu prüfen, dann organisatorische, zuletzt personenbezogene. Der ergonomisch gestaltete Wagen ist die technische Maßnahme, die an erster Stelle steht. Organisatorische Maßnahmen wie eine kürzere Wegeführung oder ein Wechsel der Tätigkeit ergänzen ihn, ersetzen ihn aber nicht.

Für die Beurteilung empfiehlt sich ein gestuftes Vorgehen. Ein orientierendes Einstiegsscreening, etwa mithilfe der Checkliste aus der DGUV Information 208-033, klärt zunächst, ob überhaupt eine relevante Belastung vorliegt. Reicht das nicht aus, folgt die vertiefte Beurteilung mit der LMM-ZS. An der Gefährdungsbeurteilung sind die Fachkraft für Arbeitssicherheit und der Betriebsarzt zu beteiligen, und die betroffenen Beschäftigten sollten zu ihren Arbeitsbedingungen befragt werden.

Checkliste: Ergonomische Kommissionierung gestalten

Die folgende Checkliste fasst die wesentlichen Punkte zusammen und eignet sich als Vorlage für die Abstimmung zwischen Lagerleitung, Arbeitssicherheit und Einkauf.

Prüf-Checkliste für die ergonomische Kommissionierung

☐ Belastung durch Ziehen und Schieben in der Gefährdungsbeurteilung erfasst
☐ Einstiegsscreening durchgeführt (z. B. DGUV Information 208-033)
☐ Bei Bedarf vertiefte Beurteilung mit der LMM-ZS vorgenommen
☐ Rollen auf Leichtgängigkeit, Lager und Durchmesser geprüft
☐ Schiebegriff in ergonomisch richtiger Höhe vorhanden
☐ Wendigkeit ausreichend, Drehen um die eigene Achse möglich
☐ Fachböden und Abteiler auf günstigen Greifbereich eingestellt
☐ Integrierter Tritt oder Leiter für obere Regalebenen vorhanden
☐ Beladung begrenzt, schwere Artikel in günstiger Höhe platziert
☐ Fahrwege eben, frei und ohne unnötige Schwellen gehalten
☐ TOP-Prinzip beachtet: technische vor organisatorischen Maßnahmen
☐ Fachkraft für Arbeitssicherheit und Betriebsarzt beteiligt
☐ Beschäftigte zu Belastung und richtiger Wagennutzung unterwiesen

Fazit: Der Wagen ist mehr als ein Transportmittel

In der manuellen Kommissionierung ist der Wagen das zentrale Arbeitsmittel und zugleich der wirksamste Hebel auf die körperliche Belastung. Weil er gleich auf mehrere der bewerteten Leitmerkmale wirkt, auf den Fahrweg über seine Rollen, auf die Körperhaltung über Griffhöhe und Tritt und auf die Ausführungsbedingungen über seine Wendigkeit, entscheidet seine Gestaltung maßgeblich über Gesundheit und Leistung.

Für Lagerverantwortliche empfiehlt es sich daher, die vorhandenen Kommissionierwagen regelmäßig anhand der Leitmerkmale der LMM-ZS zu überprüfen und die Ergebnisse mit der Gefährdungsbeurteilung abzugleichen. Wo Rollen schwergängig, Griffhöhen ungünstig oder obere Regalebenen nur unter Verrenkung erreichbar sind, lohnt die Investition in ergonomisch gestaltete Wagen doppelt, durch weniger Ausfälle und durch höhere Leistung. Gute Ergonomie und gute Wirtschaftlichkeit zeigen hier in dieselbe Richtung.

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