EN ISO 374-1:2016: Was Typ A, B und C bedeuten
Die Norm EN ISO 374-1:2016 legt fest, welche Schutzhandschuhe als Chemikalienschutz gekennzeichnet werden dürfen. Die Einteilung in drei Typen richtet sich danach, gegen wie viele der festgelegten Prüfchemikalien der Handschuh eine ausreichende Durchbruchzeit erreicht.
Typ A ist für den Schutz gegen mindestens sechs Prüfchemikalien mit einer Durchbruchzeit von mindestens 30 Minuten klassifiziert. Typ-A-Handschuhe sind für den Dauereinsatz mit verschiedenen Chemikalien geeignet und bilden den höchsten Schutzlevel der Norm. Die Kennbuchstaben (A bis T) auf der Handschuh- oder Verpackungsaufschrift zeigen an, gegen welche der 18 möglichen Prüfchemikalien der Handschuh getestet wurde.
Typ B ist für den Schutz gegen mindestens drei Prüfchemikalien mit einer Durchbruchzeit von mindestens 30 Minuten klassifiziert. Diese Kategorie eignet sich für Arbeitsplätze mit einer überschaubaren Anzahl bekannter Chemikalien.
Typ C ist für den Schutz gegen mindestens eine Prüfchemikalien mit einer Durchbruchzeit von mindestens 10 Minuten klassifiziert. Typ C ist nur für kurzzeitigen Kontakt geeignet, etwa beim Spritzschutz oder beim gelegentlichen Umfüllen kleiner Mengen. Für regelmäßige Handhabung gefährlicher Chemikalien ist Typ C in der Regel nicht ausreichend.
Die zwölf Prüfchemikalien nach EN ISO 374-1:2016 umfassen unter anderem Methanol (A), Aceton (B), Acetonitril (C), Dichlormethan (D), Kohlenstoffdisulfid (E), Toluol (F), Diethylamin (G), Tetrahydrofuran (H), Ethylacetat (I), n-Heptan (J), 40-prozentige Natronlauge (K), 96-prozentige Schwefelsäure (L) und 65-prozentige Salpetersäure (M). Mit der Erweiterung auf 18 Chemikalien kamen Essigsäure (N), 25-prozentiges Ammoniak (O), 30-prozentiges Wasserstoffperoxid (P), 37-prozentige Flusssäure (S) und 37-prozentiges Formaldehyd (T) hinzu.
Permeation, Penetration und Degradation: Drei Begriffe, die Einkäufer kennen müssen
Die drei Begriffe werden in der Praxis oft verwechselt, bezeichnen aber unterschiedliche Phänomene mit unterschiedlichen Konsequenzen für die Handschuhwahl.
Permeation bezeichnet den Durchgang einer Chemikalie durch das intakte Handschuhmaterial auf molekularer Ebene. Die Chemikalie wandert durch die Kautschuk- oder Kunststoffmatrix und erreicht nach einer bestimmten Zeit die Innenseite des Handschuhs. Diese Zeit heißt Durchbruchzeit und wird in sechs Leistungsklassen angegeben: Klasse 1 entspricht mindestens zehn Minuten, Klasse 6 mindestens 480 Minuten (acht Stunden). Die Durchbruchzeit ist eines der zentralen Auswahlkriterien bei der Handschuhwahl.
Penetration bezeichnet das Eindringen einer Chemikalie durch Poren, Nähte, Nadellöcher oder andere Materialfehler. Hier gelangt die Chemikalie nicht molekular durch das Material, sondern durch Fehlstellen. Die Prüfung erfolgt mit Luft- und Wasserdichtheitstests. Ein Chemikalienschutzhandschuh muss auch im Stulpenbereich dicht sein, wenn er 40 Zentimeter oder länger ist.
Degradation bezeichnet die Zersetzung des Handschuhmaterials durch den Kontakt mit der Chemikalie. Das Material quillt auf, wird spröde, verliert seine mechanische Festigkeit oder löst sich teilweise auf. Ein Handschuh kann eine gute Durchbruchzeit gegen eine Chemikalie haben und trotzdem schnell degradieren, was ihn mechanisch unbrauchbar macht. Die EN 374-4 definiert die Prüfung der Degradation und wird im Prüfbericht des Herstellers dokumentiert.
Für die Praxis bedeutet das: Bei der Auswahl müssen Einkäufer sowohl die Durchbruchzeit (Permeation) als auch die Materialverträglichkeit (Degradation) berücksichtigen. Die Chemikalienbeständigkeitsliste des Herstellers ist dafür die wichtigste Informationsquelle.
Materialvergleich: Welches Material schützt wogegen?
Die Wahl des Handschuhmaterials ist die zentrale Entscheidung bei der Beschaffung. Jedes Material hat ein spezifisches Chemikalienprofil, das sich am Einsatzbereich orientieren sollte.
| Material | Stärken | Schwächen | Typische Einsatzbereiche |
|---|---|---|---|
| Nitril (NBR) | Öle, Fette, Kraftstoffe, viele Säuren, gute mechanische Festigkeit, latexfrei | Ketone, aromatische Lösungsmittel, chlorierte Kohlenwasserstoffe | Automobilindustrie, Metallverarbeitung, Werkstatt, Labor (allgemein) |
| Chloropren (Neopren) | Säuren, Laugen, Alkohole, moderate Lösungsmittelbeständigkeit, gute Flexibilität | aromatische und chlorierte Kohlenwasserstoffe, Ketone (begrenzt) | Chemische Industrie, Reinigung, Galvanik, Farben und Lacke |
| Butyl | Ketone, Aldehyde, Ester, starke Säuren, Gase, sehr geringe Gaspermeation | aliphatische und aromatische Kohlenwasserstoffe, Benzin, Öle | Labor, Pharmaindustrie, Umgang mit hochgiftigen Substanzen, CBRN-Schutz |
| Viton (FKM) | aromatische und chlorierte Kohlenwasserstoffe, PCB, Säuren, sehr hochwertig | Ketone, Ester, Amine, hoher Preis | Umgang mit PCB, Dichlormethan, Toluol, hochspezielle Labor- und Chemieanwendungen |
| Latex (Naturkautschuk) | wässrige Lösungen, verdünnte Säuren und Laugen, gute Flexibilität | Öle, Fette, Lösungsmittel, Allergiepotenzial (Typ-I-Allergie) | Medizin, Labor (allgemein), nur bedingt für industrielle Chemikalien |
| PVC (Polyvinylchlorid) | Säuren, Laugen, viele wässrige Chemikalien, niedriger Preis | Lösungsmittel, Öle, aromatische Kohlenwasserstoffe, spröde bei Kälte | Reinigung, Entsorgung, Landwirtschaft |
Wichtig: Die Kombination von zwei oder mehr Materialien (etwa Nitril-Neopren-Laminate) kann die Chemikalienbeständigkeit gegenüber der jeweiligen Einzelkomponente verändern. Hersteller wie uvex, Ansell oder Honeywell bieten solche Mehrschicht-Handschuhe gezielt für Einsatzbereiche an, in denen ein einzelnes Material nicht ausreicht.
TRGS 401: Gefährdungsbeurteilung und Auswahlverfahren
Die TRGS 401 „Gefährdung durch Hautkontakt" wurde im November 2022 überarbeitet und 2024 ergänzt. Sie gibt Arbeitgebern vor, wie sie Hautgefährdungen ermitteln, beurteilen und Schutzmaßnahmen ableiten. Die Regel verfolgt das STOP-Prinzip: Substitution vor technischen, organisatorischen und persönlichen Schutzmaßnahmen.
Ein Kernstück der TRGS 401 ist die Einstufung der Gefährdung in ein Ampelmodell mit drei Stufen: Grün (gering), Gelb (mittel) und Rot (hoch). Die Einstufung erfolgt anhand der Gefährlichkeit des Stoffes (H-Sätze), der Stoffmenge, der Kontaktfläche, der Häufigkeit und der Kontaktdauer. Bei hoher Gefährdung reicht eine einzelne Maßnahme häufig nicht aus. In solchen Fällen müssen Substitution, technische Absaugung und persönliche Schutzausrüstung miteinander kombiniert werden.
Für die Auswahl eines geeigneten Chemikalienschutzhandschuhs sieht die TRGS 401 einen strukturierten Ablauf vor. Zunächst werden die am Arbeitsplatz vorkommenden Gefahrstoffe identifiziert und anhand des Sicherheitsdatenblatts bewertet. Anschließend wird für jeden Stoff die erforderliche Durchbruchzeit bestimmt, die sich aus der zu erwartenden Expositionsdauer ergibt. Erst dann wird ein Handschuh ausgewählt, dessen Material eine ausreichende Beständigkeit gegen die konkreten Chemikalien aufweist.
Ein wichtiger Hinweis: Die TRGS 401 stellt ausdrücklich klar, dass das Tragen von flüssigkeitsdichten Handschuhen allein nicht mehr als Feuchtarbeit gilt. Die 2024er Änderung hat hier eine neue Bewertung eingeführt, die für die arbeitsmedizinische Vorsorge relevant ist. Die Beurteilung sollte von einer Fachkraft für Arbeitssicherheit, dem Betriebsarzt oder einer vergleichbar qualifizierten Person durchgeführt werden.
Herstellervergleich: Chemikalienschutzhandschuhe im industriellen Einsatz
Bei der Beschaffung von Chemikalienschutzhandschuhen stehen neben dem einzelnen Modell vor allem die Chemikalienbeständigkeitslisten und die Online-Beratungstools der Hersteller im Vordergrund. Uvex, Ansell, Honeywell und MAPA bieten jeweils datenbankbasierte Auswahlsysteme, die anhand der CAS-Nummer des Gefahrstoffs passende Handschuhe vorschlagen.
| Hersteller / Modell | Material | Typ (EN 374) | Besonderheiten | Typischer Einsatz |
|---|---|---|---|---|
| uvex u-chem 3100 | Nitril / NBR auf Stulpe | Typ A (A J K L M O) | Guter mechanischer Schutz, hohe Flexibilität, sehr guter Nass- und Ölgriff | Chemische Industrie, Automobil, Metallverarbeitung |
| uvex u-chem 3300 | Nitril auf Bambusfaser | Typ A (J K L O P T) | Bambusfaser-Innenseite für hohen Tragekomfort bei längerem Einsatz | Labor, Chemie, Automobilindustrie |
| uvex u-chem 3500 | Chloropren / NBR | Typ A (A C J K L M N O P S T) | 11 Prüfchemikalien, Beständigkeit gegen Aceton, Reinigungsmittel, Kleber, Lösungsmittel | Chemie, Kleber- und Farbverarbeitung, Reinigung |
| uvex profastrong NF33 | Nitril / NBR, baumwollbeflockt | Typ A | Gute Resistenz gegen Öle, Fette, Flüssigkeiten, langlebig | Automobil, Metallverarbeitung, Reinigung |
| uvex profapren CF33 | Chloropren, baumwollbeflockt | Typ A | Chloropren für Säuren und Laugen, Innenseite mit Latexanteil | Chemische Industrie, Galvanik, Reinigung |
| Ansell AlphaTec 58-270 | Nitril | Typ A | Ansell Permeation Guide mit über 7.000 Chemikalien online | Chemische Industrie, Automobilfertigung |
| Honeywell KCL Camapren 722 | Chloropren | Typ A | Lange Stulpe (30 cm), gute Beständigkeit gegen Säuren und Laugen | Galvanik, chemische Reinigung, Labor |
| MAPA Ultranitril 492 | Nitril | Typ A | 27 cm Länge, baumwollbeflockt, gute Resistenz gegen Öle und Fette | Mechanische Industrie, Wartung, Reinigung |
| Ejendals Tegera 7350 | Nitril | Typ B | 35 cm lange Version verfügbar, gute Flexibilität | Labor, allgemeine Chemie, Wartung |
Uvex u-chem und profa-Serien im Detail
Die uvex Chemikalienschutzhandschuhe sind in drei Hauptserien aufgeteilt, die verschiedene Einsatzbereiche abdecken. Die u-chem Serie ist auf moderne, ergonomische Designs mit hoher Beständigkeit ausgerichtet, während die profa-Serie klassische, baumwollbeflockte Modelle für die industrielle Anwendung bietet.
Der uvex u-chem 3100 ist nach EN ISO 374-1:2016 Typ A (A J K L M O) zertifiziert und eignet sich für Arbeitsplätze mit wechselnden Chemikalien, die gleichzeitig mechanische Belastbarkeit erfordern. Der Handschuh ist nach EN 388:2016 mit 4 1 2 1 X eingestuft und bietet damit zusätzlichen mechanischen Schutz zur Chemikalienbeständigkeit.
Der uvex u-chem 3300 ist für feinfühlige Arbeiten konzipiert und hat durch die Bambusfaser-Innenseite ein angenehmeres Tragegefühl bei längeren Einsätzen. Bambusfasern transportieren Feuchtigkeit besser ab als synthetische Materialien, was Hautreizungen durch Schwitzen unter dem Handschuh reduziert.
Der uvex u-chem 3500 erweitert die Produktfamilie um eine Chloropren-NBR-Kombination, die gegen elf verschiedene Prüfchemikalien beständig ist und sich damit besonders für Arbeitsbereiche mit vielfältigem Chemikalienkontakt eignet. Der uvex profastrong NF33 und der profapren CF33 sind die klassischen baumwollbeflockten Modelle, die sich in der Industrie seit Jahren bewährt haben und auch für längere Stulpen verfügbar sind.
Für die konkrete Produktauswahl bietet uvex das Chemical Expert System (CES), ein online-basiertes Beratungstool, das anhand der CAS-Nummer oder des Chemikaliennamens geeignete Handschuhe vorschlägt. Vergleichbare Tools sind der Ansell Permeation Guide und der Honeywell KCL SafetyGloves-Konfigurator.
Praxishinweise: Tragedauer, Lagerung und Entsorgung
Die angegebene Durchbruchzeit ist eine Labormessung unter standardisierten Bedingungen (Temperatur 23 °C, kontinuierlicher Kontakt). In der Praxis können mehrere Faktoren die tatsächliche Schutzwirkung verkürzen.
Höhere Temperaturen beschleunigen die Permeation erheblich. Als Faustregel gilt, dass eine Erhöhung um zehn Grad die Durchbruchzeit etwa halbieren kann. Bei mechanischer Belastung, Dehnung oder Abrieb reduziert sich die effektive Schutzzeit ebenfalls. Aus diesem Grund sollten Chemikalienschutzhandschuhe nach jedem intensiven Kontakt gewechselt und nicht über die gesamte Schicht getragen werden.
Für den Einsatz mit Unterziehhandschuhen empfiehlt die DGUV Information 212-007 Baumwollunterziehhandschuhe oder Handschuhe mit Trikotierung, um Schweiß aufzunehmen und Hautreizungen zu reduzieren. Bei ungeeigneten Pflegeprodukten oder Hautschutzmitteln mit Emulgatoren unter dem Handschuh kann die Chemikalienbeständigkeit beeinträchtigt werden. Die TRGS 401 schreibt vor, dass Hautschutzmittel mit hohem Emulgatoranteil nicht unter Chemikalienschutzhandschuhen verwendet werden dürfen.
Die Lagerung der Handschuhe sollte licht- und temperaturgeschützt in der Originalverpackung erfolgen. UV-Licht, Ozon und hohe Temperaturen können thermoplastische Materialien schon vor dem ersten Einsatz spröde machen. Kontaminierte Handschuhe sind als Gefahrstoffabfall zu entsorgen und nicht über den normalen Hausmüll.
Checkliste: Chemikalienschutzhandschuhe beschaffen und einführen
Auswahl-Checkliste für Sicherheitsbeauftragte und Einkäufer
☐ Gefährdungsbeurteilung nach TRGS 401 durchgeführt (Ampelmodell, Gefährdungskategorie Grün/Gelb/Rot)
☐ Alle am Arbeitsplatz vorkommenden Chemikalien mit CAS-Nummer erfasst
☐ Sicherheitsdatenblätter ausgewertet, H-Sätze und Aufnahmewege berücksichtigt
☐ Erforderliche Durchbruchzeit aus Expositionsdauer abgeleitet
☐ Materialauswahl passend zur Chemikalie getroffen (Nitril/Neopren/Butyl/Viton/Latex/PVC)
☐ Typ (A, B oder C) nach Anzahl der relevanten Chemikalien festgelegt
☐ Chemikalienbeständigkeitsliste des Herstellers geprüft (Permeation und Degradation)
☐ Mechanische Anforderungen berücksichtigt (EN 388: Schnitt, Abrieb, Weiterreißfestigkeit)
☐ Stulpenlänge passend zum Einsatz gewählt (Spritzer nur Hand / Unterarm / Ellenbogen)
☐ Latexfreiheit sichergestellt, wenn Allergierisiko besteht
☐ Baumwollunterziehhandschuhe bei langen Tragezeiten bereitgestellt
☐ Hautschutzplan nach TRGS 500 erstellt (Hautschutz, Hautreinigung, Hautpflege)
☐ Betriebsanweisung und Unterweisung zur Handhabung durchgeführt
☐ Entsorgung kontaminierter Handschuhe als Gefahrstoffabfall geregelt
☐ Lagerung licht- und temperaturgeschützt organisiert