EN 388: Wie die Norm aufgebaut ist
Die europäische Norm EN 388 regelt die Prüfung von Schutzhandschuhen gegen mechanische Risiken. In der aktuellen Fassung (EN 388:2016, redaktionell angepasst als DIN EN 388:2019) werden sechs Prüfkriterien erfasst und unter dem bekannten Hammer-Piktogramm abgebildet. Die ersten vier Stellen geben jeweils eine Ziffer von 0 bis 4 (bzw. 0 bis 5 bei der Schnittfestigkeit) an, die fünfte Stelle einen Buchstaben von A bis F und die optionale sechste Stelle ein „P" für bestandenen Stoßschutz.
Im Detail stehen die sechs Positionen für: Abriebfestigkeit (Stufe 0 bis 4), Schnittfestigkeit nach dem Coupe-Test (Stufe 0 bis 5), Weiterreißfestigkeit (Stufe 0 bis 4), Durchstichfestigkeit (Stufe 0 bis 4), Schnittfestigkeit nach ISO 13997 (Stufe A bis F) und optional Stoßschutz (P). Wurde ein Test nicht durchgeführt, erscheint an der jeweiligen Stelle ein „X". Ein Handschuh gilt als Schutzhandschuh gegen mechanische Risiken, wenn er in mindestens einem der ersten vier Kriterien einen Wert größer Null erreicht.
Coupe-Test und TDM-Test: Zwei Prüfverfahren, zwei Aussagen
Die Unterscheidung zwischen dem klassischen Coupe-Test und dem neueren TDM-Test nach ISO 13997 ist der Kern der EN 388:2016. Beide Verfahren prüfen Schnittfestigkeit, tun dies jedoch auf grundlegend unterschiedliche Weise.
Beim Coupe-Test bewegt sich ein rotierendes Kreismesser mit konstanter Kraft von 5 Newton auf dem Handschuhmaterial hin und her. Gemessen wird, wie viele Zyklen bis zum Durchschnitt nötig sind. Das Ergebnis wird als Indexwert auf einer Skala von 1 bis 5 angegeben. Dieses Verfahren funktioniert zuverlässig bei herkömmlichen Materialien wie Leder, Baumwolle und einfachen Synthetikgarnen. Bei modernen Hochleistungsfasern mit Glas- oder Stahlfaseranteilen stumpft das Kreismesser jedoch schnell ab, sodass der Test verfälschte Ergebnisse liefert.
Genau hier setzt der TDM-Test nach ISO 13997 an. Eine gerade Klinge wird einmalig mit steigendem Kraftaufwand (2 bis 30 Newton) über das Material gezogen. Gemessen wird die minimale Kraft in Newton, die nötig ist, um den Handschuh nach 20 Millimetern zu durchschneiden. Das Ergebnis wird als Buchstabe von A bis F angegeben, wobei F die höchste Schnittfestigkeit darstellt. Dieses Verfahren bildet praxisnahe Schnittsituationen mit scharfkantigen Blechen oder Metallgraten deutlich besser ab als der Coupe-Test.
Wichtig für die betriebliche Praxis: Die beiden Skalen lassen sich nicht direkt ineinander umrechnen. Ein Handschuh mit Coupe-Test-Stufe 5 erreicht beim TDM-Test nicht automatisch Stufe F. Für die Auswahl im Metallbereich sollte daher vorrangig die Buchstabenkennzeichnung (A bis F) herangezogen werden, da diese die praxisrelevanteren Werte liefert.
Schnittschutzlevel A bis F: Was die Stufen konkret bedeuten
| Schutzlevel | Schnittkraft (Newton) | Typischer Einsatzbereich | Beispielmaterialien |
|---|---|---|---|
| A | ≥ 2 N | Leichte Montagearbeiten, Verpackung | Polyamid, Polyester |
| B | ≥ 5 N | Feinmontage, Automobilzulieferung | HPPE, Dyneema Diamond |
| C | ≥ 10 N | Blechverarbeitung, Automontage, Maschinenbau | HPPE mit Glasfaser, Dyneema |
| D | ≥ 15 N | Metallbau, Stanzen, Entgraten | HPPE/Stahlfaser-Mischung, Bamboo TwinFlex |
| E | ≥ 22 N | Glas- und Blechzuschnitt, Schrottverarbeitung | Stahlfaser-Verbund, Para-Aramid |
| F | ≥ 30 N | Extremer Schnittschutz: Glasrecycling, Stanzerei, Schneidwerkzeuge | Mehrlagen-Stahlfaser, HexArmor SuperFabric |
Eine Schutzklasse höher bedeutet jeweils einen deutlichen Sprung in der Schnittfestigkeit. In der allgemeinen Metallverarbeitung mit Blechteilen, Stanzteilen und Graten hat sich Schutzlevel C als gängiger Mindeststandard etabliert. Für Tätigkeiten mit besonders scharfkantigen Werkstücken wie Stanzresten, Blechkanten oder Drahtseilen empfehlen sich die Level D oder E. Das höchste Level F kommt vor allem beim Umgang mit Schneidwerkzeugen, scharfem Glasbruch oder in der Schrottverarbeitung zum Einsatz.
Materialien im Überblick: Woraus Schnittschutzhandschuhe bestehen
HPPE (High Performance Polyethylene) ist das am häufigsten verwendete Material für Schnittschutzhandschuhe im mittleren Bereich (Level B bis D). HPPE-Fasern wie Dyneema von DSM sind leicht, flexibel und bieten ein gutes Verhältnis zwischen Schnittfestigkeit und Tastgefühl. uvex setzt in der phynomic C5 Serie beispielsweise biobasiertes HPPE mit einem Anteil von 45 % nachwachsenden Rohstoffen ein.
Glas- und Stahlfasern erhöhen die Schnittfestigkeit deutlich, machen den Handschuh aber steifer und verringern das Tastgefühl. Sie kommen bei Level D bis F zum Einsatz und werden in der Regel nicht als Einzelmaterial, sondern als Beimischung in Verbundgarnen verarbeitet. Die patentierte uvex Bamboo TwinFlex Technologie kombiniert Bambusviskose mit Hochleistungsfasern und erreicht damit Schnittschutzlevel D bei gleichzeitig hohem Tragekomfort und guter Hautverträglichkeit.
Para-Aramid (Kevlar, Twaron) bietet neben Schnittschutz auch thermische Beständigkeit und eignet sich daher für Arbeitsplätze mit kombinierter Schnitt- und Hitzegefährdung, etwa beim Schweißen oder Schleifen. Die Hitzbeständigkeit ist nach EN 407 separat gekennzeichnet.
Beschichtungen auf der Handinnenfläche beeinflussen Griffsicherheit, Abriebfestigkeit und Einsatzbereich erheblich. Nitrilschaum bietet guten Grip in trockenen und leicht öligen Umgebungen. Polyurethan (PU) ermöglicht hohes Tastgefühl für Feinmontage. Latex liefert den besten Nassgrip, kann jedoch bei Latexallergikern problematisch sein. uvex setzt in der phynomic-Serie die hauseigene Aqua-Polymer-Beschichtung ein, die eine gute Balance zwischen Griffsicherheit, Abrieb und Atmungsaktivität bietet.
Herstellervergleich: Schnittschutzhandschuhe für den Metallbereich
| Hersteller / Modell | Schnittschutzlevel | EN 388 Kennzeichnung | Besonderheiten | Preisbereich (pro Paar, netto) |
|---|---|---|---|---|
| uvex phynomic C5 | C | 4X43C | 45 % biobasiertes HPPE, Aqua-Polymer-Beschichtung, lebensmitteltauglich, dermatologisch getestet | 4–7 € |
| uvex Bamboo TwinFlex D xg | D | 4X42D | Bambusviskose-Trägermaterial, Touchscreen-Eignung, hoher Tragekomfort | 6–10 € |
| uvex D500 foam | D | 4X42D | Robuster Allrounder für schwere mechanische Arbeiten, Nitrilschaum-Beschichtung | 5–8 € |
| Ansell HyFlex 11-751 | C | 4X43C | Intercept-Technologie, silikonfreie Beschichtung, Automobilzulieferer-Standard | 5–9 € |
| Würth Tigerflex Cut5 | D | 4X44D | Nitrilmikroschaum, guter Ölgrip, breite Verfügbarkeit im Handwerk | 5–8 € |
| ATG MaxiCut Ultra 44-3745 | C | 4543C | Engineered Yarn, Nitrilschaum mit MicroDots, hohes Tastgefühl | 4–7 € |
| Tegera 8807 Infinity (Ejendals) | D | 4X44D | Synthetikleder-Innenfläche, besonders robuster Daumen, Outdoor-tauglich | 8–14 € |
In der Praxis zeigt sich, dass Handschuhe mit identischem Schutzlevel (etwa C) erhebliche Unterschiede im Tragekomfort, in der Griffsicherheit und in der Haltbarkeit aufweisen können. Ein Level-C-Handschuh mit 10,5 Newton Schnittkraft bietet zwar formal denselben Schutz wie einer mit 14,8 Newton, liegt aber deutlich näher an der unteren Grenze. Einige Hersteller veröffentlichen die exakten Newton-Werte im Produktdatenblatt, was einen differenzierteren Vergleich ermöglicht.
Auswahl in der Praxis: Den richtigen Handschuh für den Arbeitsplatz finden
Grundlage der Handschuhauswahl ist die Gefährdungsbeurteilung nach Arbeitsschutzgesetz und PSA-Benutzungsverordnung. Die DGUV Regel 112-195 gibt konkrete Hinweise zur Auswahl und Benutzung von Schutzhandschuhen, einschließlich einer Checkliste in Anhang 4. Dabei ist das Schnittschutzlevel nur einer von mehreren Faktoren. Ebenso wichtig sind Abriebfestigkeit (relevant bei rauen Oberflächen), Durchstichfestigkeit (bei Drahtarbeiten), Griffsicherheit (bei ölverschmierten Werkstücken) und Tastgefühl (bei Feinmontage).
Ein häufiger Fehler bei der Beschaffung ist die Wahl eines zu hohen Schutzlevels. Ein Level-F-Handschuh an einem Montagearbeitsplatz, an dem Level C ausreichen würde, führt zu schlechterem Tastgefühl, schnellerer Ermüdung der Hand und geringerer Akzeptanz bei den Mitarbeitern. Die Folge: Handschuhe werden seltener getragen oder beim Greifen kleiner Teile ausgezogen. Umgekehrt ist ein zu niedriges Level gefährlich, da es keinen ausreichenden Schutz bei einem Griff an eine scharfe Blechkante bietet.
Für die Metallverarbeitung haben sich in der Praxis folgende Zuordnungen bewährt: Level B für Feinmontage mit leicht scharfkantigen Bauteilen, Level C als Standard für allgemeine Blechverarbeitung und Maschinenbedienung, Level D für Entgraten, Stanzen und den Umgang mit scharfen Metallkanten und Level E bis F für Sonderbereiche wie Glasbearbeitung, Schrotthandling oder den Umgang mit Schneidwerkzeugen.
Wann Handschuhe verboten sind
An offenen Drehmaschinen, Bohrmaschinen und Fräsmaschinen ist das Tragen von Schutzhandschuhen nach DGUV Vorschrift 1 und Betriebssicherheitsverordnung grundsätzlich verboten. Die Gefahr, von rotierenden Werkzeugen erfasst und eingezogen zu werden, überwiegt den Schnittschutz. Diese Bereiche müssen mit dem Verbotszeichen „Schutzhandschuhe tragen verboten" gekennzeichnet sein. Die Fachinformationsseite zur EN 388 bietet weiterführende Details zur normgerechten Kennzeichnung.
In der Praxis betrifft dieses Verbot vor allem Arbeitsplätze, an denen sowohl Schnittgefahr als auch Einzugsgefahr bestehen, etwa in CNC-Drehereien. Hier müssen organisatorische Maßnahmen greifen: Handschuhe werden für das Be- und Entladen der Maschine getragen und vor dem Einschalten der Spindel abgelegt. Eine klare Betriebsanweisung mit entsprechender Unterweisung ist in diesen Fällen besonders wichtig.
Haltbarkeit und Wechselintervalle
Schnittschutzhandschuhe sind Verschleißartikel. Ihre Schutzwirkung nimmt mit zunehmender Abnutzung ab, insbesondere an der Handinnenfläche und den Fingerspitzen. Sichtbare Zeichen für einen fälligen Wechsel sind Durchscheuern der Beschichtung, Löcher oder Risse im Trägermaterial und nachlassende Elastizität. Im Schichtbetrieb mit intensiver mechanischer Belastung halten viele Modelle nur eine bis drei Wochen.
Einige Hersteller bieten waschbare Schnittschutzhandschuhe an, die sich maschinell bei 40 oder 60 °C reinigen lassen, ohne die Schutzfunktion zu verlieren. uvex gibt für die phynomic-Serie eine Waschbarkeit bei bis zu 60 °C an. Bei der Kalkulation der Beschaffungskosten sollten daher nicht nur die Stückpreise, sondern auch die Standzeit und die Anzahl der Waschzyklen berücksichtigt werden. Ein Handschuh für 7 Euro, der vier Wochen hält, ist wirtschaftlicher als ein Modell für 4 Euro, das nach einer Woche getauscht werden muss.
Checkliste: Schnittschutzhandschuhe für die Metallverarbeitung auswählen
Auswahl-Checkliste für Einkäufer und Sicherheitsbeauftragte
☐ Gefährdungsbeurteilung durchgeführt: Welche Schnittgefahren bestehen am Arbeitsplatz?
☐ Erforderliches Schnittschutzlevel nach ISO 13997 (A bis F) aus der Gefährdung abgeleitet
☐ Zusätzliche mechanische Anforderungen geprüft: Abrieb, Durchstich, Weiterreißfestigkeit
☐ Umgebungsbedingungen berücksichtigt: trocken, feucht, ölig, heiß?
☐ Tastgefühl und Griffsicherheit für die konkrete Tätigkeit bewertet
☐ Einzugsgefahr durch rotierende Maschinenteile geprüft (Handschuhverbot?)
☐ Hautverträglichkeit und Allergierisiko berücksichtigt (Latex, Thiurame, Chrom VI)
☐ Tragetest mit mindestens drei Modellen verschiedener Hersteller durchgeführt
☐ Standzeit und Waschbarkeit in die Kostenberechnung einbezogen
☐ Betriebsanweisung erstellt und Unterweisung der Mitarbeiter geplant
☐ Handschuhverbotszone an offenen Drehmaschinen und Bohrmaschinen gekennzeichnet