Umwelt

CSRD-Berichtspflicht: Welche Umweltdaten der Einkauf für den Nachhaltigkeitsbericht liefern muss

Die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) macht Nachhaltigkeitsdaten zum Pflichtbestandteil des Lageberichts. Für die Umweltkapitel des Berichts nach den European Sustainability Reporting Standards (ESRS) benötigt das Unternehmen Daten, die zu einem großen Teil aus der Lieferkette stammen. Das macht den Einkauf zur zentralen Schnittstelle der CSRD-Umsetzung. Auch Unternehmen, die nach dem Omnibus-Paket nicht mehr direkt berichtspflichtig sind, kommen als Zulieferer berichtspflichtiger Kunden unter indirekten Druck.

Einkäufer analysiert Scope-3-Emissionsdaten in einer Lieferketten-Software am Bildschirm

Wer nach dem Omnibus-Paket noch direkt berichtspflichtig ist

Das im Frühjahr 2025 beschlossene EU-Omnibus-Paket hat die Schwelle für die direkte CSRD-Pflicht deutlich angehoben. Beide Kriterien müssen nun kumulativ erfüllt sein: mehr als 1.000 Beschäftigte und mehr als 450 Millionen Euro Jahresumsatz. Wer nur eines der beiden Kriterien erfüllt, fällt nicht unter die direkte Berichtspflicht. In Deutschland betrifft die direkte Pflicht nach den neuen Schwellen rund 5.000 Unternehmen statt der ursprünglich vorgesehenen 15.000.

Die CSRD selbst, die ESRS-Standards und das Prinzip der doppelten Wesentlichkeit bleiben jedoch unverändert bestehen. Auch die Qualitätsanforderungen an die Berichterstattung ändern sich nicht: Wer berichtet, muss verifizierbare, quantitative Daten liefern. Zudem wurde parallel die „Stop-the-Clock"-Richtlinie beschlossen, die die Berichtspflicht für die zweite und dritte Welle um jeweils zwei Jahre verschiebt. Für große Unternehmen der zweiten Welle (bisher ab 250 Beschäftigten) verschiebt sich die erste Berichtsperiode damit auf das Geschäftsjahr 2027 (Bericht in 2028).

Für den Mittelstand hat das Omnibus-Paket eine doppelte Wirkung: Viele Unternehmen fallen aus der direkten Pflicht heraus, bleiben aber als Lieferanten berichtspflichtiger Großkunden indirekt betroffen. Denn die CSRD verlangt von berichtspflichtigen Unternehmen, Daten aus der gesamten Wertschöpfungskette offenzulegen, insbesondere Scope-3-Emissionen. Diese Daten müssen von den Zulieferern erhoben und bereitgestellt werden.

Doppelte Wesentlichkeit: Warum der Einkauf beide Perspektiven liefern muss

Das zentrale Konzept der CSRD ist die doppelte Wesentlichkeit (Double Materiality). Unternehmen müssen zwei Perspektiven abdecken: die Inside-out-Perspektive (Wie wirkt sich das Geschäft auf Umwelt und Gesellschaft aus?) und die Outside-in-Perspektive (Wie wirken sich Nachhaltigkeitsrisiken auf das Geschäft aus?). Beide Perspektiven müssen dokumentiert und offengelegt werden.

Für den Einkauf hat das praktische Konsequenzen. Die Inside-out-Perspektive erfordert Daten zu den ökologischen Auswirkungen der Beschaffung, also Scope-3-Emissionen, Wasserverbrauch und Ressourceneinsatz in der Lieferkette. Die Outside-in-Perspektive verlangt eine Bewertung der Risiken, die aus der Lieferkette auf das eigene Unternehmen zurückwirken, etwa Lieferunterbrechungen durch Klimaereignisse, regulatorische Risiken durch steigende CO₂-Preise oder Reputationsrisiken durch Umweltverstöße bei Lieferanten.

Die doppelte Wesentlichkeitsanalyse ist der Ausgangspunkt jeder CSRD-konformen Berichterstattung. Sie bestimmt, welche ESRS-Standards für das Unternehmen wesentlich sind und welche Datenpunkte tatsächlich berichtet werden müssen. Für die meisten produzierenden Unternehmen wird ESRS E1 (Klimawandel) als wesentlich eingestuft, da nahezu alle wirtschaftlichen Aktivitäten Treibhausgasemissionen verursachen.

Drei ESRS-Standards, die den Einkauf direkt betreffen

Für den Einkauf sind drei der zwölf ESRS-Standards besonders relevant, weil sie Daten erfordern, die nur über die Lieferkette beschafft werden können.

ESRS E1 – Klimawandel: Scope-3-Emissionen aus eingekauften Waren und Dienstleistungen (Kategorie 1 nach Greenhouse Gas Protocol) machen in den meisten produzierenden Unternehmen 60 bis 80 Prozent des gesamten CO₂-Fußabdrucks aus. Der Einkauf beeinflusst diese Emissionen durch Materialwahl, Lieferantenauswahl und Transportstrukturen unmittelbar. Die ESRS E1 verlangt die systematische Erfassung, Bewertung und perspektivische Reduktion dieser Emissionen.

ESRS S2 – Arbeitskräfte in der Wertschöpfungskette: Arbeits- und menschenrechtliche Risiken bei Lieferanten müssen strukturiert identifiziert und transparent dargestellt werden. Risikoanalysen, Lieferantenselbstauskünfte und Audits werden zur Grundlage der Offenlegung. Für Unternehmen, die bereits dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) unterliegen, liefert das bestehende Risikomanagement einen Teil der benötigten Daten.

ESRS G1 – Unternehmensführung: Integrität, Korruptionsprävention und transparente Entscheidungsprozesse im Einkauf sind offenzulegen. Dazu gehören Angaben zu Lieferantenverhaltenskodizes, Schulungen und Meldewegen für Compliance-Verstöße.

Welche konkreten Umweltdaten der Einkauf beschaffen muss

Die folgende Tabelle zeigt die wichtigsten umweltbezogenen Datenpunkte, die der Einkauf für den CSRD-Bericht liefern oder von Lieferanten einholen muss.

ESRS-Standard Datenpunkt Quelle im Einkauf
E1 Klimawandel Scope-3-Emissionen Kategorie 1 (eingekaufte Waren und Dienstleistungen) Product Carbon Footprint (PCF) der Lieferanten, Emissionsfaktoren-Datenbanken
E1 Klimawandel Scope-3 Kategorie 4 (Transport und Distribution, vorgelagert) Logistikdienstleister-Emissionsdaten, GLEC-Framework
E1 Klimawandel Klimaziele und Dekarbonisierungsplan der Wertschöpfungskette Lieferantenbefragung, Science Based Targets der Lieferanten
E2 Umweltverschmutzung Schadstoffemissionen und Gefahrstoffeinsatz in der Lieferkette Lieferanten-Selbstauskunft, Sicherheitsdatenblätter
E3 Wasser- und Meeresressourcen Wasserverbrauch und Wasserrisiken in der Lieferkette Lieferantendaten, Wasserstress-Analysen (z. B. WRI Aqueduct)
E5 Ressourcennutzung und Kreislaufwirtschaft Rezyklatanteile, Materialeffizienz, Abfallaufkommen Lieferantenangaben, PPWR-Rezyklatquoten

In der Praxis zeigt sich, dass die Erhebung von Scope-3-Daten die größte Herausforderung darstellt. Viele mittelständische Lieferanten können keine produktspezifischen PCF-Werte liefern. In solchen Fällen wird in der Übergangszeit mit Branchendurchschnittswerten (Spend-based-Methode) oder physisch-basierten Emissionsfaktoren gearbeitet. Langfristig fordern die ESRS jedoch lieferantenspezifische Primärdaten.

Der VSME-Standard: Schutzschild und Strukturhilfe für den Mittelstand

Für Unternehmen unterhalb der CSRD-Schwelle hat die EFRAG (European Financial Reporting Advisory Group) den VSME (Voluntary Sustainability Reporting Standard for SMEs) entwickelt. Er bietet einen vereinfachten, modularen Rahmen für die Nachhaltigkeitsberichterstattung, der aus einem Basismodul mit den wesentlichen ESG-Kennzahlen und einem erweiterten Modul für Unternehmen mit höheren Berichtsambitionen besteht.

Das Omnibus-Paket enthält eine Schildfunktion: CSRD-pflichtige Großunternehmen dürfen von ihren KMU-Lieferanten nicht mehr Nachhaltigkeitsdaten verlangen, als der VSME-Standard vorsieht. Das schützt kleinere Zulieferer vor ausufernden Datenabfragen und gibt dem VSME die Funktion einer verbindlichen Obergrenze für Lieferantenfragebogen.

Für den Einkauf in mittelständischen Unternehmen bietet der VSME eine strategische Chance: Wer die VSME-Kennzahlen proaktiv erhebt und strukturiert bereitstellt, kann Kundenanfragen standardisiert beantworten, statt für jeden Großkunden einen eigenen Fragebogen auszufüllen. Das spart Zeit und schafft Vertrauen. Die finale Version des VSME als delegierter Rechtsakt wird voraussichtlich im Herbst 2026 erwartet.

Scope-3-Emissionen im Einkauf: Drei Ansätze für den Einstieg

Ansatz 1: Spend-based (ausgabenbasiert). Die einfachste Methode: Das Einkaufsvolumen in Euro wird mit Emissionsfaktoren pro Warengruppe multipliziert. Die Datenquelle sind Emissionsfaktoren-Datenbanken wie ecoinvent, DEFRA oder das GHG Protocol Scope 3 Tool. Die Genauigkeit ist gering, aber der Aufwand minimal. Dieser Ansatz eignet sich für den Einstieg und die Identifikation der Warengruppen mit dem höchsten Emissionsanteil (Hotspot-Analyse).

Ansatz 2: Activity-based (aktivitätsbasiert). Physische Mengen (Tonnen Stahl, kWh Strom, Kilometer Transport) werden mit spezifischen Emissionsfaktoren verknüpft. Die Genauigkeit steigt deutlich, erfordert aber die Erfassung physischer Mengen im Einkauf, die in vielen ERP-Systemen bereits vorhanden sind.

Ansatz 3: Supplier-specific (lieferantenspezifisch). Der Lieferant liefert einen Product Carbon Footprint (PCF) oder einen Corporate Carbon Footprint (CCF) nach ISO 14067 oder dem GHG Protocol. Das ist die genaueste Methode und langfristig die von ESRS E1 geforderte. In der Praxis können derzeit nur wenige Zulieferer belastbare PCF-Werte liefern. Der Anteil steigt jedoch, insbesondere bei großen Tier-1-Lieferanten der Automobilindustrie, der Chemie und des Maschinenbaus.

Ein pragmatischer Weg: Beginnen Sie mit dem ausgabenbasierten Ansatz für das gesamte Einkaufsvolumen, identifizieren Sie die zehn bis 20 Lieferanten mit dem höchsten Emissionsanteil und fordern Sie von diesen lieferantenspezifische Daten an. Damit decken Sie in der Regel 60 bis 80 Prozent der Scope-3-Emissionen ab, ohne Hunderte von Lieferanten gleichzeitig abfragen zu müssen.

Datenerhebung organisieren: Was der Einkauf jetzt tun sollte

Der Aufbau einer funktionierenden Dateninfrastruktur für die CSRD-Berichterstattung dauert sechs bis zwölf Monate. Die größten Zeitfresser sind erfahrungsgemäß die Klärung der internen Zuständigkeiten (Einkauf, Nachhaltigkeit, Controlling), die Abstimmung mit den IT-Systemen (ERP, Lieferantenportal, ESG-Software) und die tatsächliche Datenerhebung bei den Lieferanten, die oft länger dauert als erwartet.

Für die Lieferantenabfrage bieten sich strukturierte Fragebögen an, die auf dem VSME-Basismodul aufgebaut sind. Plattformen wie EcoVadis, IntegrityNext oder CDP Supply Chain ermöglichen eine standardisierte Abfrage und Auswertung. Wer kein Budget für eine Plattform hat, kann mit einer einfachen Lieferanten-Selbstauskunft beginnen, die folgende Mindestangaben abfragt: Scope-1- und Scope-2-Emissionen des Lieferanten, Vorhandensein eines Klimaziels oder Science Based Target, Anteil erneuerbarer Energie, Wasserverbrauch und Abfallmengen (bei wasserintensiven Branchen) sowie vorhandene Zertifizierungen (ISO 14001, ISO 50001, EcoVadis-Score).

Ein häufiger Fehler besteht darin, alle Lieferanten gleichzeitig anzuschreiben. Das überfordert sowohl den Einkauf als auch die Lieferanten und führt zu niedrigen Rücklaufquoten. Die bessere Strategie: Priorisieren Sie nach Emissionsanteil. In der Regel verursachen 10 bis 20 Prozent der Lieferanten 70 bis 80 Prozent der Scope-3-Emissionen. Beginnen Sie mit diesen Top-Lieferanten und erweitern Sie den Kreis schrittweise.

Ein weiterer Praxistipp: Nutzen Sie bestehende Lieferantengespräche (Jahresgespräche, Audits, Qualitätsreviews) als Anlass für die ESG-Datenabfrage. So vermeiden Sie, dass die Nachhaltigkeitsabfrage als zusätzliche bürokratische Belastung wahrgenommen wird, und integrieren sie in den normalen Beschaffungsprozess. Manche Unternehmen koppeln die Lieferantenbewertung bereits an ESG-Kriterien und gewichten den CO₂-Fußabdruck bei der Vergabeentscheidung mit 10 bis 15 Prozent.

Die Investition in eine saubere Datenerhebung zahlt sich nicht nur für den CSRD-Bericht aus. Die gleichen Daten werden für die CO₂-Bilanzierung, für die Erfüllung des LkSG und der CSDDD sowie für CBAM-Berechnungen benötigt. Wer die Dateninfrastruktur einmal aufbaut, kann sie für mehrere regulatorische Anforderungen nutzen.

CBAM: Wenn CO₂-Kosten direkt in den Einkaufspreis fließen

Neben der Berichtspflicht bringt der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) eine direkte Preiswirkung von Emissionen in den Einkauf. Für Importe von Eisen und Stahl, Aluminium, Zement, Düngemittel, Wasserstoff und Strom müssen ab 2026 CO₂-Zertifikate erworben werden. Der Product Carbon Footprint eines Lieferanten beeinflusst damit nicht nur den Nachhaltigkeitsbericht, sondern die tatsächlichen Beschaffungskosten. Emissionsintensive Bezugsquellen verteuern sich, während emissionsärmere Lieferanten Wettbewerbsvorteile gewinnen. CO₂-Kosten werden damit integraler Bestandteil von Total-Cost-of-Ownership-Modellen.

Für den Einkauf in der metallverarbeitenden Industrie bedeutet CBAM: Der Preis einer Tonne Walzstahl aus einem Drittland enthält künftig die CO₂-Kosten der Herstellung, bemessen am EU-ETS-Preis. Wer bei der Lieferantenauswahl den Carbon Footprint berücksichtigt, reduziert nicht nur die CBAM-Zertifikatskosten, sondern liefert gleichzeitig bessere Scope-3-Daten für den CSRD-Bericht. Beide Regelwerke verstärken sich gegenseitig und machen die CO₂-Daten aus der Beschaffung zur strategischen Steuerungsgröße.

Praxisbeispiel: Mittelständischer Maschinenbauer startet Scope-3-Erhebung

Ein mittelständischer Maschinenbauer mit 350 Mitarbeitern und 80 Millionen Euro Umsatz ist nach dem Omnibus-Paket nicht mehr direkt CSRD-pflichtig. Dennoch hat er beschlossen, seine Scope-3-Emissionen zu erfassen, weil drei seiner fünf größten Kunden CSRD-pflichtig sind und entsprechende Daten angefragt haben.

Der Einkauf ging folgendermaßen vor: Im ersten Schritt wurde das gesamte Einkaufsvolumen (42 Millionen Euro) nach Warengruppen segmentiert und mit ausgabenbasierten Emissionsfaktoren aus der DEFRA-Datenbank multipliziert. Das Ergebnis zeigte, dass drei Warengruppen (Gussteile, Antriebskomponenten und Elektronik) zusammen 72 Prozent der geschätzten Scope-3-Emissionen verursachten.

Im zweiten Schritt wurden die 15 Lieferanten dieser drei Warengruppen mit einem standardisierten Fragebogen (auf Basis des VSME-Basismoduls) angeschrieben. Acht Lieferanten konnten innerhalb von drei Monaten Scope-1- und Scope-2-Daten liefern, drei davon mit einem validen Product Carbon Footprint. Die übrigen sieben Lieferanten hatten noch keine CO₂-Bilanz erstellt, signalisierten aber Bereitschaft, dies innerhalb eines Jahres nachzuholen. Der Gesamtaufwand im Einkauf betrug rund 15 Personentage über sechs Monate. Die Ergebnisse wurden in einem Nachhaltigkeitsbericht nach dem VSME-Basismodul zusammengefasst und den Kunden zur Verfügung gestellt.

Checkliste: CSRD-Datenanforderungen im Einkauf umsetzen

Schritte für die praktische Umsetzung: Prüfen, ob das eigene Unternehmen direkt CSRD-pflichtig ist (1.000 MA UND 450 Mio. € Umsatz, kumulativ) · Auch ohne direkte Pflicht: Prüfen, welche Kunden CSRD-pflichtig sind und Scope-3-Daten anfragen werden · Interne Zuständigkeiten klären: Wer im Einkauf ist Ansprechpartner für ESG-Daten? · Hotspot-Analyse durchführen: Welche Warengruppen verursachen die höchsten Scope-3-Emissionen? · Die zehn bis 20 emissionsintensivsten Lieferanten identifizieren und priorisiert Daten anfordern · Lieferantenfragebogen auf Basis des VSME-Basismoduls entwickeln · Emissionsfaktoren-Datenbank auswählen (ecoinvent, DEFRA, GHG Protocol) · ERP-System auf vorhandene physische Mengendaten prüfen (Tonnen, kWh, Kilometer) · Scope-3-Berechnung zunächst ausgabenbasiert, dann schrittweise aktivitäts- und lieferantenbasiert · Dokumentation für Prüfungssicherheit aufbauen: Datenquellen, Berechnungsmethoden und Annahmen nachvollziehbar festhalten