Was die Schutzklassen S1 bis S3 konkret bedeuten
Die europäische Norm EN ISO 20345 definiert, welche Anforderungen ein Schuh erfüllen muss, um als Sicherheitsschuh zu gelten. Grundvoraussetzung ist eine Zehenschutzkappe mit einer Belastbarkeit von 200 Joule Aufprallenergie und 15 Kilonewton statischem Druck. Das entspricht etwa einem 20-Kilogramm-Gewicht, das aus einem Meter Höhe auf den Vorfuß fällt. Aufbauend auf dieser Basis erweitern die Schutzklassen S1 bis S3 den Schutzumfang schrittweise.
Schuhe der Klasse S1 verfügen zusätzlich zur Zehenschutzkappe über einen geschlossenen Fersenbereich, antistatische Eigenschaften und eine Energieaufnahme im Fersenbereich. Diese Ausstattung genügt für trockene Innenbereiche ohne Risiko durch Nässe oder spitze Gegenstände am Boden, etwa in der Leichtindustrie, an Montagearbeitsplätzen oder auf trockenen Logistikflächen.
Die Klasse S2 erweitert S1 um ein wasserabweisendes Obermaterial. In der aktuellen Norm wird diese Eigenschaft als WPA (Water Penetration and Absorption) bezeichnet; die ältere Kennzeichnung WRU (Water Repellent Upper) wird nicht mehr vergeben. S2-Schuhe eignen sich für Umgebungen mit gelegentlicher Feuchtigkeit, etwa in der Getränkeindustrie, auf Laderampen oder in Produktionshallen mit Nassreinigung.
Die Klasse S3 ergänzt S2 um zwei wesentliche Merkmale: eine profilierte Laufsohle für besseren Halt auf unebenem Untergrund und einen Durchtrittschutz gegen Nägel, Schrauben oder Metallspäne. S3 gilt als Mindeststandard auf Baustellen, in Metallbetrieben, Schlossereien und überall dort, wo mit spitzen Gegenständen am Boden zu rechnen ist.
Was sich mit der EN ISO 20345:2022 geändert hat
Die im Juni 2022 veröffentlichte und seit März 2023 verbindliche Überarbeitung der EN ISO 20345 bringt drei Neuerungen, die für die betriebliche Praxis besonders relevant sind.
Beim Durchtrittschutz wird nun zwischen metallischen und textilen Materialien unterschieden. Die bisherige Pauschalbezeichnung S3 gilt künftig nur noch für Schuhe mit Stahlsohle. Textile Durchtrittschutzeinlagen werden als S3L (Prüfung mit 4,5-mm-Nagel) oder S3S (Prüfung mit 3,0-mm-Nagel) gekennzeichnet. In der Bestellpraxis bedeutet das: Wer bislang metallfreie S3-Schuhe bezogen hat, findet diese unter den neuen Bezeichnungen S3L oder S3S wieder.
Neu sind außerdem die Klassen S6 und S7, die erstmals vollständig wasserdichte Sicherheitsschuhe normieren. Ein S6-Schuh entspricht einem S2 mit zusätzlicher Wasserdichtheitsprüfung (WR), ein S7-Schuh einem S3 mit WR-Prüfung. Für Betriebe, die bisher mit separaten Membranlösungen oder Gummistiefeln gearbeitet haben, stehen damit normierte Alternativen zur Verfügung.
Vereinfacht wurde auch die Kennzeichnung der Rutschhemmung. Die bisherigen Kürzel SRA, SRB und SRC entfallen. Stattdessen gilt eine Basisanforderung auf Keramikfliesen mit Reinigungsmittel für alle Sicherheitsschuhe. Wer zusätzlich den Glyzerin-Test besteht, erhält die optionale SR-Kennzeichnung. Eine vollständige Gegenüberstellung der alten und neuen Kürzel bietet die Kurzzeichen-Übersicht der DGUV.
Schutzklassen im direkten Vergleich
Die folgende Tabelle fasst die Anforderungen der wichtigsten Schutzklassen nach EN ISO 20345:2022 zusammen. Schuhe mit gültigem Zertifikat nach der alten Norm (2011) dürfen weiterhin verkauft und getragen werden.
| Eigenschaft | S1 | S2 | S3 | S3L / S3S | S7 |
|---|---|---|---|---|---|
| Zehenschutzkappe (200 J) | ja | ja | ja | ja | ja |
| Geschlossener Fersenbereich | ja | ja | ja | ja | ja |
| Antistatisch | ja | ja | ja | ja | ja |
| Energieaufnahme Ferse | ja | ja | ja | ja | ja |
| Wasserabweisendes Obermaterial (WPA) | nein | ja | ja | ja | ja |
| Durchtrittschutz | nein | nein | ja (Stahl) | ja (textil) | ja |
| Profilierte Laufsohle | nein | nein | ja | ja | ja |
| Wasserdicht (WR) | nein | nein | nein | nein | ja |
| Typischer Einsatzbereich | Trockene Hallen, Leichtindustrie | Feuchte Bereiche, Rampen | Baustelle, Metallbau | Metallbau, Schreinerei | Außenbereich, Tiefbau |
| Gewicht (Halbschuh, Gr. 42, ca.) | 390–500 g | 420–550 g | 550–800 g | 450–650 g | 600–900 g |
Welche Schutzklasse für welche Branche?
Logistik und Lagerhaltung
Auf trockenem, glattem Hallenboden genügt in vielen Lagerbereichen die Schutzklasse S1. Für Gabelstaplerfahrer und Kommissionierer, die regelmäßig an Laderampen arbeiten, empfiehlt sich jedoch mindestens S2, da dort häufig Regen- und Spritzwasser auftritt. Besonderes Augenmerk verdient die Rutschhemmung, denn nasse oder verschmutzte Böden zählen zu den häufigsten Unfallursachen in der Logistik. uvex bietet mit der uvex 1 G2 Serie leichte S2-Modelle an, die bei Größe 42 unter 500 Gramm wiegen. Die i-PUREnrj Sohlentechnologie gibt Auftrittsenergie an den Träger zurück, was sich bei Laufleistungen von über 20.000 Schritten pro Schicht bemerkbar macht.
Metallverarbeitung und Maschinenbau
In Schlossereien, Drehereien und CNC-Fertigungen liegen Metallspäne, Schrauben und Drahtreste auf dem Boden. S3 mit Durchtrittschutz ist hier der Mindeststandard. Ob metallisch (S3) oder textil (S3L/S3S), hängt von der Art der Gefährdung ab: Stahlsohlen bieten den höchsten Schutz gegen dicke Nägel und Bolzen, sind aber schwerer und weniger flexibel. Textile Einlagen decken die Sohle gleichmäßiger ab und wiegen weniger, schützen bei sehr spitzen Objekten unter 3 mm Durchmesser jedoch etwas schwächer. Für den Metallbau hat sich die Elten Reaction S3-Serie als leichter Allrounder etabliert. uvex bietet mit dem uvex 2 construction S3 einen robusten Stiefel mit erhöhtem Knöchelschutz.
Lebensmittelindustrie und Gastronomie
In der Lebensmittelverarbeitung stellen Hygiene und Reinigbarkeit besondere Anforderungen. Schuhe müssen regelmäßig gewaschen werden können und dürfen keine tiefen Rillen aufweisen, in denen sich Keime ansammeln. Gleichzeitig sind die Böden häufig nass und fettig, sodass hohe Rutschhemmung unverzichtbar ist. Der übliche Standard ist S2 mit SR-Kennzeichnung. uvex hat mit der uvex 1 sport white Serie S2-Modelle speziell für Hygienebereiche entwickelt: Das nahtfreie Obermaterial ist bei 30 °C waschbar. Als Alternative hat sich die Atlas CL 490 Serie in Großküchen und Fleischverarbeitungsbetrieben bewährt.
Bauwesen und Tiefbau
Auf Baustellen ist S3 mit Durchtrittschutz nach Baustellenverordnung und DGUV Vorschrift 38 praktisch immer vorgeschrieben, da die Gefährdungsbeurteilung fast ausnahmslos ein Risiko durch spitze Gegenstände ergibt. Für dauerhafte Arbeit im Freien bei Nässe lohnt sich der Griff zu den neuen S7-Modellen mit vollständiger Wasserdichtheit. Haix bietet mit der Black Eagle Safety-Linie robuste S3-Stiefel für diesen Bereich an, Engelbert Strauss führt mit der Puma Conquest-Reihe preislich attraktive S3-Modelle ab etwa 80 Euro.
Elektrotechnik und Elektronikfertigung
In ESD-geschützten Bereichen (Electrostatic Protected Areas) reicht die normale antistatische Eigenschaft nach EN ISO 20345 nicht aus. Standard-Antistatik erlaubt einen Ableitwiderstand von 100 kΩ bis 1.000 MΩ. ESD-Schuhe nach EN 61340-5-1 müssen dagegen einen deutlich engeren Bereich von 100 kΩ bis 100 MΩ einhalten, um empfindliche Bauteile zuverlässig zu schützen. Hersteller wie uvex, Elten und Atlas bieten ESD-Varianten innerhalb ihrer gängigen Serien an. Der uvex 1 G2 ist beispielsweise als S2 FO SR ESD mit einem Ableitwiderstand unter 35 Megaohm erhältlich.
Herstellervergleich: Fünf Serien für den industriellen Einsatz
Der deutsche Markt wird von mehreren Herstellern bedient, die sich in Preisklasse, Technologie und Zielgruppe unterscheiden. Die folgende Übersicht stellt fünf gängige Serien gegenüber.
| Hersteller / Serie | Verfügbare Klassen | Besonderheiten | Gewicht (Halbschuh, Gr. 42) | Preisbereich (UVP, netto) |
|---|---|---|---|---|
| uvex 1 G2 | S1, S1 PL, S2 | i-PUREnrj Sohlentechnologie, x-dry knit Textil, ESD-Varianten, uvex medicare-fähig | ca. 470 g | 90–130 € |
| uvex 2 construction | S3, S3 SRC | Robuster Stiefel, erhöhter Knöchelschutz, Baustelleneignung | ca. 650 g | 100–140 € |
| Elten Reaction S3 | S3, S3L | Infinergy-Zwischensohle (BASF), Wellmaxx-Technologie, breite Größenauswahl | ca. 530 g | 100–150 € |
| Atlas GX 390 S3 | S3, S1P | MPH-Sohle, Carbon-Zehenschutzkappe, klimaregulierende Innensohle | ca. 560 g | 80–120 € |
| Haix Black Eagle Safety 54.1 | S3, S7 | Gore-Tex-Membran, Stabilitätsbrücke, für Außen- und Baustelleneinsatz | ca. 600 g | 140–190 € |
Neben dem Preis spielt bei der Herstellerwahl auch die orthopädische Versorgung eine Rolle. Die DGUV Regel 112-191 schreibt vor, dass orthopädische Einlagen nur mit gültiger Baumusterprüfung in Sicherheitsschuhe eingelegt werden dürfen. Private Einlagen aus Straßenschuhen sind nicht zulässig, da sie die zertifizierten Schutzeigenschaften beeinträchtigen können und der Versicherungsschutz entfällt. uvex bietet dafür das uvex medicare Programm, Elten das Ergo-Active System und Atlas eigene zertifizierte Einlagen an. Bei allen drei Anbietern erfolgt die Anpassung über einen zugelassenen Orthopädieschuhmacher, sodass die Baumusterprüfung erhalten bleibt. Da schätzungsweise jeder zehnte Träger von Sicherheitsschuhen in Deutschland eine individuelle Einlage benötigt, sollte dieser Aspekt bereits bei der Beschaffung berücksichtigt werden.
Gefährdungsbeurteilung als Ausgangspunkt
Die Wahl der Schutzklasse ist nach dem Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) und der PSA-Benutzungsverordnung keine freie Entscheidung des Einkaufs. Sie ergibt sich aus der Gefährdungsbeurteilung, die der Arbeitgeber für jeden Arbeitsplatz erstellen und dokumentieren muss. Eine tätigkeitsbezogene Beispielliste, die bei der Zuordnung von Gefährdungen zu Schutzklassen hilft, stellt das DGUV-Sachgebiet Fußschutz bereit.
In der Praxis hat sich eine Vorgehensweise in drei Schritten bewährt. Zunächst werden die mechanischen Risiken identifiziert: herabfallende Teile, Überfahrgefahr, spitze Gegenstände am Boden, Stolpergefahren. Anschließend folgt die Bewertung der Umgebungsbedingungen: Nässe, Hitze, Kälte, chemische Einwirkungen, elektrische Gefährdungen. Zuletzt sind ergonomische Faktoren zu berücksichtigen: Laufleistung pro Schicht, Stehdauer, Treppensteigen, Leiternarbeit. Aus dieser Kombination ergibt sich die erforderliche Schutzklasse, gegebenenfalls mit Zusatzkennzeichnungen wie ESD, HI (Wärmeisolierung), CI (Kälteisolierung) oder CR (Schnittfestigkeit).
Lebensdauer und Verschleiß: Wann ein Austausch fällig wird
Ein häufig unterschätzter Faktor bei der Beschaffung ist die begrenzte Lebensdauer von Sicherheitsschuhen. Polyurethan-Sohlen unterliegen der sogenannten Hydrolyse: Sie nehmen über die Zeit Feuchtigkeit auf, werden spröde und können brechen, selbst wenn der Schuh äußerlich noch intakt wirkt. Fachleute empfehlen deshalb, auch ungetragene Sicherheitsschuhe nach fünf bis sechs Jahren auszusondern.
Für die tägliche Praxis definiert die EN ISO 20345:2022 konkrete Verschleißkriterien. Ein Austausch ist fällig, wenn tiefe Risse im Obermaterial die halbe Materialdicke erreichen, die Profilhöhe an einer Stelle unter 1,5 mm liegt, sich die Sohle vom Schaft löst oder die Zehenschutzkappe durch Abrieb freigelegt ist. Bei intensiver Nutzung im Schichtbetrieb kann dieser Zustand bereits nach sechs bis zwölf Monaten eintreten. Wer Mitarbeitern jeweils zwei Paar zur Verfügung stellt, ermöglicht tägliches Auslüften und verlängert die Nutzungsdauer beider Paare deutlich.
Kosten und Beschaffung
Nach § 3 ArbSchG in Verbindung mit der PSA-Benutzungsverordnung trägt der Arbeitgeber die Kosten für Sicherheitsschuhe vollständig. Eine Beteiligung der Beschäftigten ist nicht zulässig. Einzige Ausnahme: Wählt ein Mitarbeiter aus persönlichen Gründen ein teureres Modell als das vom Arbeitgeber vorgesehene, kann die Differenz auf freiwilliger Basis vereinbart werden.
Im deutschen Markt liegen die Nettopreise für S1-Halbschuhe zwischen 50 und 120 Euro, für S2-Modelle bei 70 bis 140 Euro und für S3-Stiefel bei 80 bis 200 Euro. Premiummodelle mit Membrantechnologie, BOA-Verschluss oder spezieller Sohlendämpfung kosten teilweise über 200 Euro. Ab Bestellmengen von 50 Paar bieten die meisten Hersteller Staffelpreise. Wer Wert auf zentrale Versorgung legt, findet bei spezialisierten Anbietern wie Hoffmann Group, CWS oder Mewa auch Mietmodelle, bei denen Austausch und Verwaltung im Service enthalten sind.
Praxistipps für die Einführung im Betrieb
Die richtige Schutzklasse allein reicht nicht, wenn Mitarbeiter ihre Schuhe ungern tragen. Die Akzeptanz hängt in der Praxis vom Gewicht, der Passform und dem Klimakomfort ab. Moderne Sicherheitsschuhe wiegen bei Größe 42 oft nur noch 400 bis 500 Gramm. Technologien wie das uvex climazone Klimamanagement, die Wellmaxx-Rückfederung von Elten oder die Atlas MPH-Sohlentechnologie sorgen dabei für spürbar besseren Tragekomfort über eine volle Schicht.
Bewährt hat sich bei der Neubeschaffung ein Tragetest mit drei bis fünf Modellen. Die Testträger sollten repräsentativ für die jeweilige Arbeitsplatzgruppe sein und die Schuhe mindestens zwei Wochen im regulären Arbeitsalltag tragen. Rückmeldungen zu Passform, Gewicht, Klimakomfort, Rutschhemmung und Druckstellen sollten dokumentiert werden. Diese Vorgehensweise reduziert Reklamationen nach der Beschaffung erheblich und erhöht die Akzeptanz im Betrieb.
Checkliste: Sicherheitsschuhe richtig auswählen
Auswahl-Checkliste für Einkäufer und Sicherheitsbeauftragte
☐ Gefährdungsbeurteilung für den Arbeitsplatz liegt vor und ist aktuell
☐ Erforderliche Schutzklasse (S1, S2, S3, S3L, S3S, S6, S7) ist daraus abgeleitet
☐ Zusatzanforderungen geprüft: ESD, HI, CI, CR, FO, WR, AN, SR
☐ Orthopädischer Bedarf bei Mitarbeitern abgefragt (DGUV Regel 112-191 beachten)
☐ Norm-Version geprüft: Zertifizierung nach EN ISO 20345:2022 oder noch nach 2011?
☐ Weiten-Angebot des Herstellers geprüft (Standard 10/11, Überweite 12, Spezialweite 13/14)
☐ ESD-Eignung geprüft, sofern EPA-Bereiche vorhanden (Ableitwiderstand unter 100 MΩ)
☐ Tragetest mit mindestens drei Modellen durchgeführt (zwei Wochen, dokumentiert)
☐ Verschleiß-Intervall festgelegt und Budget für Ersatzbeschaffung eingeplant
☐ Zwei Paar pro Mitarbeiter vorgesehen, um Auslüften und längere Lebensdauer zu ermöglichen
☐ Ersatzgrößen für neue Mitarbeiter bevorratet