Lager

Sicherheitsschuhe für Lager und Logistik: Was Staplerfahrer, Kommissionierer und Rampenarbeiter wirklich brauchen

Über 20.000 Schritte pro Schicht auf Betonboden, dazwischen nasse Laderampen, kreuzende Gabelstapler und herabfallende Pakete: Die Anforderungen an Sicherheitsschuhe im Lager unterscheiden sich grundlegend von denen in der Werkstatt oder auf der Baustelle. Dieser Beitrag betrachtet vier typische Logistik-Arbeitsplätze und zeigt, welche Schuheigenschaften dort tatsächlich über Komfort, Sicherheit und Trageakzeptanz entscheiden. Eine Übersicht der Schutzklassen S1 bis S3 und ihrer Anforderungen nach EN ISO 20345 finden Sie in unserem Grundlagenbeitrag zu den Schutzklassen.

Kommissionierer mit Sicherheitsschuhen in einem Hochregallager neben einem Gabelstapler

Tragepflicht im Lager: Was die Gefährdungsbeurteilung verlangt

Eine Vorschrift, die Sicherheitsschuhe pauschal überall dort vorschreibt, wo Stapler fahren, existiert nicht. Entscheidend ist die Gefährdungsbeurteilung nach § 5 ArbSchG. Das Kompetenzportal KomNet NRW stellt dazu klar, dass die Entscheidung von den betrieblichen Gegebenheiten abhängt. In der Praxis legen jedoch die meisten Logistikbetriebe eine Tragepflicht für alle Bereiche fest, die von Flurförderzeugen befahren werden, einschließlich Besucher, Büroangestellte und Führungskräfte, die das Lager betreten.

Die DGUV Regel 112-191 konkretisiert die Anforderungen an den Fußschutz. Für die Akzeptanz dieser Regelung im Betrieb hat sich bewährt, dass alle Beschäftigten in den betroffenen Bereichen die gleiche Pflicht einhalten, auch Vorgesetzte und Abteilungsleiter. Wo mit zweierlei Maß gemessen wird, sinkt die Bereitschaft zum Tragen der Schuhe erfahrungsgemäß schnell.

Vier Arbeitsplätze, vier unterschiedliche Anforderungsprofile

Der Kommissionierer: 25.000 Schritte, acht Stunden Beton

Für Mitarbeiter in der Person-zur-Ware-Kommissionierung ist das Gewicht des Schuhs der entscheidende Komfortfaktor. Wer pro Schicht 25.000 Schritte zurücklegt, hebt den Schuh jedes Mal an. Der Unterschied zwischen einem 430-Gramm-Halbschuh und einem 700-Gramm-Stiefel summiert sich über acht Stunden spürbar in Ermüdung und Gelenkbelastung. Ebenso wichtig ist die Sohlendämpfung auf harten Industrieböden. Moderne Zwischensohlen wie die uvex i-PUREnrj erreichen nach Herstellerangaben eine 100 % höhere Energieaufnahme als die EN ISO 20345 vorschreibt und geben einen Teil der Auftrittsenergie an den Träger zurück. Uvex bietet mit dem uvex 1 sport in S1 einen Halbschuh unter 450 Gramm. Elten setzt in der Wellmaxx-Serie auf die BASF Infinergy-Zwischensohle mit vergleichbarer Rückfederung, Atlas bietet mit der MPH-Sohlentechnologie ein ähnliches Konzept im niedrigeren Preissegment.

Ein oft unterschätzter Aspekt ist die Atmungsaktivität. In temperaturkontrollierten Lagerhallen mit 18 bis 22 °C kommen die Füße bei hoher Laufleistung stark ins Schwitzen. Materialien wie das uvex x-dry knit Gestrick oder Gore-Tex Surround bei Haix transportieren Feuchtigkeit aktiv ab und reduzieren die Keimbildung im Schuh. Wer zwei Paar im Wechsel trägt und die Schuhe über Nacht auslüften lässt, verlängert die Nutzungsdauer beider Paare erheblich.

Der Gabelstaplerfahrer: Pedale, Ein- und Ausstieg, Vibrationen

Staplerfahrer verbringen den Großteil ihrer Schicht im Sitzen und belasten den Schuh anders als ein Kommissionierer. Beim Bedienen der Pedale muss die Sohle ausreichend Gefühl für Brems- und Gaspedal bieten, gleichzeitig darf sie nicht zu weich sein, da sonst die Kontrolle über die Pedalwege leidet. Ein flaches Sohlenprofil ohne stark ausgeprägte Stollen eignet sich besser als ein grobes Outdoor-Profil, das am Pedal hängenbleiben kann.

Beim Ein- und Aussteigen wirkt kurzzeitig hohe Belastung auf den Fersenbereich, insbesondere bei Seitenstapler-Typen mit hohem Einstieg. Modelle mit stabiler Fersenkappe und guter Energieaufnahme im Fersenbereich beugen Beschwerden vor. Für Staplerfahrer, die regelmäßig den Stapler verlassen und Ladungen sichern, empfiehlt sich ein leichter Halbschuh in S2 mit SR-Rutschhemmung. Die uvex 1 G2 Serie in S2 kombiniert Nässeschutz mit einer Sohlenprofilierung, die sowohl auf Industrieböden als auch auf Pedalflächen guten Kontakt bietet.

Der Rampenarbeiter: Nässe, Temperaturwechsel, schwere Lasten

Laderampen sind der anspruchsvollste Arbeitsplatz für Sicherheitsschuhe im Lagerbereich. Regen, Spritzwasser, Tauwasser im Winter und Kondensfeuchtigkeit bei Temperaturunterschieden zwischen Außenbereich und klimatisierter Halle stellen hohe Anforderungen an das Obermaterial. S2 ist hier der Mindeststandard. Für Betriebe, die Rampenarbeiter auch bei Dauernässe oder Schnee einsetzen, bieten die neuen S6-Modelle nach EN ISO 20345:2022 eine vollständige Wasserdichtheit (WR-Prüfung). Haix bietet mit der Black Eagle Safety Linie S3-Stiefel mit Gore-Tex-Membran, die auch für den dauerhaften Außeneinsatz im Winterhalbjahr geeignet sind.

Zusätzlich zur Nässe besteht an der Rampe ein erhöhtes Risiko durch herabfallende Gebinde und rollende Fässer. Die Zehenschutzkappe (200 Joule nach EN ISO 20345) fängt herabfallende Pakete ab. Wer regelmäßig Paletten mit dem Hubwagen über Rampenbleche zieht, profitiert von einem Schuh mit verstärkter Überkappe (SC-Kennzeichnung nach der neuen Norm), die den Vorfuß gegen Abrieb durch Schleifen auf Metallkanten schützt.

Das Elektroniklager: ESD als Pflicht, Gewicht als Komfortfaktor

In ESD-geschützten Lagerbereichen für Halbleiter, Leiterplatten oder empfindliche Elektronikkomponenten gelten besondere Anforderungen an die elektrostatische Ableitung. Normale Antistatik nach EN ISO 20345 erlaubt einen Ableitwiderstand bis 1.000 Megaohm. ESD-Schuhe nach EN 61340-5-1 müssen den engeren Bereich von maximal 100 Megaohm einhalten, um empfindliche Bauteile zuverlässig zu schützen. Uvex bietet die meisten Modelle der uvex 1 und uvex 1 G2 Serien in ESD-Varianten mit einem Ableitwiderstand unter 35 Megaohm an. Elten und Atlas führen vergleichbare ESD-zertifizierte Modelle in ihren Logistik-Sortimenten. Bei der Beschaffung sollte geprüft werden, ob die ESD-Eigenschaft im Produktnamen explizit genannt oder nur optional über eine separate Einlegesohle realisiert wird.

Schutzklasse nach Arbeitsplatz: Zuordnungstabelle für Lagerleiter

Arbeitsplatz Typische Gefährdungen Empfohlene Schutzklasse Zusatzanforderungen Gewichtspriorität
Kommissionierung (trocken) Herabfallende Pakete, hohe Laufleistung, harter Boden S1 SR, leichte Bauweise (unter 500 g) sehr hoch
Gabelstaplerfahrer Überfahren, Quetschen, Auf-/Abstieg, Pedalbedienung S1 oder S2 SR, flaches Sohlenprofil, stabile Ferse mittel
Laderampe / Wareneingang Nässe, herabfallende Gebinde, Temperaturwechsel S2 (bei Dauernässe: S6) SR, WPA, ggf. WR, verstärkte Überkappe (SC) mittel
Versand / Packbereich Umreifungsbänder, Tackernägel, Schrauben am Boden S3 oder S3L Durchtrittschutz, SR mittel
Elektroniklager (EPA) Elektrostatische Entladung, herabfallende Teile S1 oder S2 ESD nach EN 61340-5-1 (< 100 MΩ) hoch
Kühl- und Tiefkühllager Kälte, Kondensfeuchtigkeit, glatte Böden S2 oder S3 CI (Kälteisolierung), SR, gefüttertes Modell niedrig

Herstellervergleich: Sieben Modelle für den Lagereinsatz

Hersteller / Modell Klasse Gewicht (Gr. 42) Besonderheiten ESD Preis (netto)
uvex 1 sport S1 S1 FO SR ca. 430 g i-PUREnrj Sohle, nahtfreier Schaft, sportliches Design, uvex medicare-fähig ja (< 100 MΩ) 80–110 €
uvex 1 G2 S2 S2 FO SR ca. 470 g x-dry knit Textil, i-PUREnrj, wasserabweisend, zwei Größen (Standard / G2+) ja (< 35 MΩ) 90–130 €
uvex 1 x-craft pro BOA S1 PS FO SC SR ca. 480 g BOA Fit System, i-PUREnrj planet (15 % Regranulat), flexzone Vorfuß ja 120–160 €
Elten Reaction XXT S1 S1 (auch S2, S3) ca. 460 g Infinergy-Zwischensohle (BASF), Wellmaxx-Rückfederung, breite Größenauswahl optional 90–140 €
Atlas GX 133 S1 S1 ca. 480 g MPH-Sohlentechnologie, Carbon-Zehenkappe, gutes Preis-Leistungs-Verhältnis optional 70–100 €
Puma Safety Velocity 2.0 S1P ca. 490 g Sportlicher Look, gute Dämpfung, hohe Akzeptanz bei jüngeren Mitarbeitern ja 80–120 €
Haix Black Eagle Safety 40.1 S1P ca. 520 g Gore-Tex-Membran, Fersenstabilisator, für Innen- und Außeneinsatz nein 130–170 €

Ein Tragetest vor der Großbestellung reduziert Reklamationen und erhöht die Akzeptanz im Betrieb erheblich. Die Testträger sollten repräsentativ für die jeweilige Arbeitsplatzgruppe sein: Ein Kommissionierer hat andere Anforderungen an Flexibilität und Gewicht als ein Gabelstaplerfahrer, der den Schuh vor allem beim Ein- und Aussteigen belastet. Mindestens drei Modelle verschiedener Hersteller sollten über einen Zeitraum von zwei Wochen im regulären Arbeitsalltag getestet werden.

Verschluss, Weite und orthopädische Versorgung

An Sicherheitskontrollen, bei Schichtwechseln oder beim Betreten von Reinräumen müssen Schuhe teilweise mehrfach täglich gewechselt werden. Schnellverschlüsse wie das BOA Fit System (Drehen statt Schnüren) beschleunigen diesen Vorgang. Uvex setzt bei der uvex 1 x-craft pro Serie auf BOA, Elten bietet ähnliche Systeme in der Senex-Reihe an.

Bei der Passform gilt: Ein Schuh, der drückt, wird nicht getragen. Uvex führt die uvex 1 G2 Serie in den Weiten 10, 11 und 12, die uvex 1 sport white sogar bis Größe 52. Elten bietet mit dem XW-Programm gezielt Modelle für breitere Füße an. Mitarbeiter mit Fußbeschwerden wie Fersensporn oder Senkfuß benötigen zertifizierte orthopädische Einlagen nach DGUV Regel 112-191. Private Einlagen aus Straßenschuhen sind in Sicherheitsschuhen nicht zulässig. Uvex bietet dafür das uvex medicare Programm, Elten das Ergo-Active System und Atlas das Ortho-Programm an. Die Kosten für die orthopädische Versorgung trägt vollständig der Arbeitgeber.

Beschaffungsplanung für den Lagerbetrieb

Im intensiven Schichtbetrieb halten Sicherheitsschuhe häufig nur sechs bis zwölf Monate. Eine einfache Hochrechnung erleichtert die Jahresplanung: Anzahl der Mitarbeiter, multipliziert mit dem durchschnittlichen Verbrauch pro Person und Jahr, ergibt den Gesamtbedarf. Wer jedem Mitarbeiter zwei Paar bereitstellt, verlängert die Nutzungsdauer beider Paare deutlich, weil die Schuhe über Nacht vollständig austrocknen können.

Ab Bestellmengen von 50 Paar bieten die meisten Hersteller Staffelpreise zwischen 10 und 20 Prozent. Alternativ gibt es bei Anbietern wie CWS, Mewa oder Hoffmann Group Mietmodelle, die Austausch, Verwaltung und Entsorgung als Service beinhalten. Für Betriebe mit hoher Fluktuation und saisonalen Aushilfskräften empfiehlt sich zusätzlich ein kleiner Bestand gängiger Größen auf Lager, damit neue Mitarbeiter bereits am ersten Arbeitstag mit geeignetem Fußschutz ausgestattet werden können.

Checkliste: Sicherheitsschuhe für den Lagerbetrieb beschaffen

Auswahl-Checkliste für Lagerleiter und Einkäufer

☐ Gefährdungsbeurteilung je Arbeitsplatz aktuell (Kommissionierung, Rampe, Stapler, Versand, EPA)
☐ Schutzklasse und Zusatzanforderungen pro Bereich abgeleitet (siehe Zuordnungstabelle)
☐ ESD-Anforderung geprüft: Elektroniklager oder EPA-Bereiche vorhanden?
☐ Gewichtsziel definiert: unter 500 g für Kommissionierer, unter 550 g für Staplerfahrer
☐ Sohlenprofil auf Arbeitsplatz abgestimmt: flach für Pedalarbeit, profiliert für Rampe
☐ Orthopädischer Bedarf abgefragt (DGUV Regel 112-191, zertifizierte Einlagen)
☐ Weiten und Größen geprüft: Standard 10/11, Überweite 12, Spezialweiten 13/14
☐ Tragetest mit drei Modellen verschiedener Hersteller durchgeführt (zwei Wochen)
☐ Zwei Paar pro Mitarbeiter eingeplant (Auslüften, längere Lebensdauer)
☐ Jahresbedarf kalkuliert, Staffelpreise angefragt oder Mietmodell geprüft
☐ Ersatzgrößen für neue Mitarbeiter und saisonale Aushilfen bevorratet
☐ Betriebsanweisung erstellt: Tragepflicht, Verschleißkontrolle, Wechselintervall