Verpackung

Wellpappkarton richtig auswählen: ECT, BCT, DIN-Sorte und Fallprüfung im Vergleich

ECT beschreibt das Material, BCT die fertige Schachtel, und die McKee-Formel verbindet beide näherungsweise. Wer diese drei Größen auseinanderhält, kauft die passende DIN-Sorte, statt Ware zu über- oder unterspezifizieren. Dieser Beitrag ordnet die Prüfwerte, die Sortennorm und die Fallprüfung für die Praxis ein.

Querschnitt zweiwelliger Wellpappe mit Kennzeichnung von Welle und Deckenpapier neben einem verschlossenen Faltkarton

Wer im Einkauf oder in der Versandabteilung einen Wellpappkarton spezifiziert, steht regelmäßig vor derselben Frage: Welche Qualität trägt die Ware, den Transport und die Stapelung im Lager sicher, ohne dass zu viel Material bezahlt wird? Die Antwort steckt in drei Kennwerten und einer Normreihe, die im Alltag ständig durcheinandergeraten. Der teuerste Fehler ist dabei kein Materialfehler, sondern ein Denkfehler: die Verwechslung einer Materialeigenschaft mit einer Schachteleigenschaft. Genau diese Unterscheidung entscheidet darüber, ob eine Verpackung hält und was sie kostet.

ECT, BCT und McKee: drei Begriffe, ein häufiger Denkfehler

Der Kantenstauchwiderstand, im Fachjargon ECT für Edge Crush Test, ist eine Eigenschaft des Wellpappenmaterials. Er wird an einem kleinen Probestück ermittelt und sagt nichts darüber aus, wie viel eine daraus gefertigte Schachtel trägt. Der Stapelstauchwiderstand, kurz BCT für Box Compression Test, ist dagegen eine Eigenschaft der fertigen, aufgerichteten und verschlossenen Verpackung. Zwischen beiden liegt die Geometrie der Schachtel, die Verklebung, die Zuschnittführung und die Klimabelastung. Die McKee-Formel schlägt eine rechnerische Brücke zwischen ECT und BCT, doch bleibt sie eine Näherung mit klar begrenztem Gültigkeitsbereich.

Das Prüfverfahren für den ECT ist in DIN EN ISO 3037 geregelt. Die Papiertechnische Stiftung PTS beschreibt den Ablauf präzise: Ein hochkant stehendes Probestück von 100 × 25 mm wird mit stehender Welle zwischen zwei Platten bei einer Vorschubgeschwindigkeit von 12,5 mm/min bis zum Versagen belastet, wobei mindestens zehn Proben geprüft werden. Der Kennwert ergibt sich als maximale Kraft je Längeneinheit und wird in kN/m angegeben. Er ist damit ein reiner Werkstoffwert.

Beim BCT wird kein Materialstreifen geprüft, sondern die komplette Verpackung. Das Verfahren nach DIN EN ISO 12048 belastet die aufgerichtete und verschlossene Schachtel in einer Druckprüfmaschine bis zum Zusammenbruch und liefert die maximale Traglast in kN. Der Prüfmaschinenhersteller ZwickRoell grenzt beide Prüfungen sauber voneinander ab: Der BCT nach ISO 12048 prüft die Tragfähigkeit der ganzen Schachtel unter realitätsnahen Bedingungen, während der ECT nach ISO 3037 allein die Materialfestigkeit der Wellpappe beschreibt. Für die Einkaufsentscheidung heißt das: Der ECT sagt, was der Werkstoff kann, der BCT sagt, was die Verpackung im Regal aushält.

Der Aufbau entscheidet: Wellenart und Deckenpapier

Bevor Prüfwerte überhaupt eine Rolle spielen, steht der konstruktive Aufbau. Eine Wellpappe besteht aus einer oder mehreren gewellten Papierbahnen zwischen glatten Deckenpapieren. Die Wellenart bestimmt Höhe und Teilung der Riffelung und damit maßgeblich die Steifigkeit und das Polstervermögen. Grobe Wellen bringen viel Höhe und damit Stauchsteifigkeit, feine Wellen liefern eine glatte Oberfläche und knappes Volumen für den Einzelversand.

Die Bandbreite reicht von der groben A-Welle mit rund 4,0 bis 5,0 mm Höhe über die C-Welle mit etwa 3,1 bis 4,0 mm und die B-Welle mit ungefähr 2,5 bis 3,0 mm bis zu den feinen Varianten. Die E-Welle liegt bei etwa 1,0 bis 1,8 mm, die F-Welle bei 0,6 bis 1,0 mm. Für Transportverpackungen dominieren in der Praxis die B- und die C-Welle als einwellige Ausführung sowie die kombinierte BC-Welle als zweiwellige Variante. Dreiwellige Wellpappe ist für schwere, empfindliche Güter und den Überseeversand vorgesehen und tritt dort als Ersatz für Holzverpackungen auf.

Neben der Welle wirkt das Deckenpapier. Ob ein Karton auf gefüllten Paletten belastbar bleibt, hängt vom Flächengewicht und der Faserqualität der Liner ebenso ab wie von der Welle. Die deutsche Branche hat das Flächengewicht über Jahre gesenkt: Der Durchschnitt der von den VDW-Mitgliedern produzierten Wellpappe lag 2024 bei 501 g/m² und damit auf dem niedrigsten je verzeichneten Wert, der Anteil an Recyclingpapieren in der Herstellung erreichte 81,8 Prozent. Diese Materialeffizienz ist ein Grund mehr, die Sorte genau zu treffen, weil jede Reserve ab Werk bereits knapper kalkuliert ist.

Die drei Prüfwerte, die wirklich zählen

Die Sortennorm für Wellpappe stützt sich auf drei Gütemerkmale, die jeweils eine andere Beanspruchung abbilden. Die Berstfestigkeit in Kilopascal beschreibt den Widerstand gegen flächigen Druck von innen oder außen und stammt aus dem klassischen Mullen-Verfahren. Die Durchstoßarbeit in Joule misst, wie viel Energie eine Ecke oder Kante bis zum Durchbruch aufnimmt, also den Schutz gegen punktuelle Stöße. Der Kantenstauchwiderstand ECT in kN/m steht für die Stapelfähigkeit, weil er die Kraft abbildet, mit der die stehende Welle eine Auflast trägt.

In den vergangenen Jahren hat der ECT die Berstfestigkeit als führendes Kriterium abgelöst, weil er die im Versand entscheidende Stapellast direkt beschreibt. Diese Verschiebung ist auch international relevant: In Nordamerika ersetzt die ECT-Angabe auf dem Box-Maker-Certificate zunehmend die ältere Mullen- oder Berstangabe. Wer aus Deutschland in die USA liefert, kann eine DIN-Sorte über ihren ECT-Wert in eine Kennzahl übersetzen, die der US-Partner erkennt, während eine reine Berstangabe dort als veraltet gilt.

Die McKee-Formel: die Brücke mit Grenzen

Die McKee-Formel schätzt den BCT aus dem ECT, dem Schachtelumfang U und der Wellpappendicke d. In der verbreiteten Form lautet sie BCT = 5,876 × ECT × √(U × d), wobei U und d in Millimetern eingesetzt werden. Alternativ existiert die Fassung BCT = 1,86 × ECT × √(U × d) mit dem Umfang in Zentimetern. Beide Varianten liefern denselben Rechenweg in unterschiedlichen Einheiten.

Wichtig ist die Einschränkung, die in der Praxis oft übersehen wird. Die McKee-Formel ist das einfachste, zugleich aber ungenaueste Verfahren zur BCT-Berechnung. Sie gilt nur, wenn das Verhältnis von Schachtelhöhe zu Umfang größer als 1:7 ist, und selbst dann bestehen weitere Vorbehalte etwa bei ungewöhnlichen Seitenverhältnissen, Ausstanzungen oder Grifflöchern. Für sehr flache oder sehr schmale Kartons taugt sie nicht, und ein belastbarer Nachweis der Stapelfestigkeit gelingt nur über die reale BCT-Prüfung nach ISO 12048.

Rechenbeispiel: Ein zweiwelliger BC-Karton mit den Innenmaßen 400 × 300 × 300 mm hat einen Umfang von U = 2 × (400 + 300) = 1.400 mm bei einer Materialdicke von rund d = 7 mm. Mit einem ECT von 6,5 kN/m ergibt sich BCT = 5,876 × 6,5 × √(1.400 × 7). Die Wurzel aus 9.800 beträgt etwa 99, sodass rechnerisch rund 3.780 N herauskommen, also ungefähr 3,8 kN oder umgerechnet knapp 385 kg Prüfkraft. Das Verhältnis von Höhe zu Umfang liegt bei 300 zu 1.400, also etwa 1:4,7 und damit klar oberhalb der geforderten Grenze von 1:7. Der Rechenwert ist somit anwendbar, bleibt aber ein Laborwert im Neuzustand, nicht die zulässige Dauerlast im Lager.

Vom Rechenwert zur sicheren Stapellast

Der rechnerische BCT beschreibt die Kraft bis zum Zusammenbruch unter Prüfbedingungen. Im Betrieb wirken jedoch Feuchte, Dauerlast über Wochen, Vibration im Transport und Passungenauigkeiten der Palettenstapelung. Deshalb wird der Prüfwert in der Praxis mit einem Sicherheitsfaktor abgewertet, bevor daraus eine zulässige Dauertragfähigkeit abgeleitet wird. Dieser Faktor ist keine Normvorgabe, sondern eine verbreitete Faustregel, die mit der Härte des Versandwegs steigt.

Am geringsten fällt der Abschlag bei statischer Lagerung in klimatisierter Halle aus. Für den Straßentransport innerhalb Europas wird deutlich stärker abgewertet, weil Vibration und wechselnde Feuchte die Reststeifigkeit mindern. Am höchsten liegt der Sicherheitsaufschlag bei langen Seewegen im Container mit hoher Luftfeuchte und bei Luftfracht mit ihren mechanischen Belastungen. Aus den 385 kg des Beispiels bleiben je nach angesetztem Faktor nur noch etwa 100 bis 130 kg zulässige Dauerlast übrig. Wer den vollen Rechenwert als Traglast ansetzt, überlastet den Stapel systematisch.

DIN 55468 und den Sortencode richtig lesen

Die konkrete Bestellqualität legt DIN 55468-1 fest. Die Norm definiert Sorten bestimmter Wellpappen über technische Werte und Prüfverfahren. Laut DIN Media stammt die aktuelle Ausgabe vom Januar 2021 und ersetzt die Fassung DIN 55468-1:2015-06. Wer noch mit der alten Fassung spezifiziert, sollte den Verweis prüfen. Insgesamt umfasst das System rund 27 genormte Sorten, die über die drei Gütemerkmale Berstfestigkeit, Durchstoßarbeit und Kantenstauchwiderstand differenziert werden.

Der Verband der Wellpappen-Industrie erläutert die Systematik der Sorteneinteilung. Die Sorten 1.01 bis 1.03 sowie 2.02 bis 2.04 sind überwiegend für Lagerbeanspruchung gedacht, mit mittlerem Kantenstauchwiderstand und geringer Durchstoßarbeit. Die Sorten 1.10 bis 1.50 und 2.20 bis 2.70 sind zusätzlich für die Transportbeanspruchung ausgelegt, und die Sorten 2.90 bis 2.96 decken den Bereich der Schwerwellpappe ab. Zu beachten ist eine oft übersehene Regel: Für einwellige Wellpappe in Wellenart B reduzieren sich die in der Sortentabelle angegebenen Festigkeitswerte um 10 Prozent, und die Werte gelten nicht für Wellpappen, die nur aus den Wellen D, E, F und G bestehen.

Wie der Code konkret zu lesen ist, zeigt ein verifiziertes Beispiel. Die Fachseite verpackungswissen.de nennt für die Sorte 2.3 BC eine zweiwellige Ausführung mit einer Berstfestigkeit von mindestens 1.100 kPa, einer Durchstoßarbeit von mindestens 7,50 J und einem Kantenstauchwiderstand von mindestens 6,50 kN/m. Die erste Ziffer steht für die Anzahl der Wellen, die zweite für die Festigkeitsklasse, die Buchstaben für die Wellenart. Diese Mindestwerte sind der belastbare Bezugspunkt, gegen den ein Prüfbericht abzugleichen ist.

Sortenüberblick mit typischem Einsatz

Die folgende Übersicht ordnet gängige Sorten nach Ausführung, Festigkeitsniveau und Einsatz. Verbindliche kN/m-Werte je Sorte stehen ausschließlich in der Sortentabelle nach DIN 55468-1, hier voll belegt für 2.3 BC. Die Angaben zur Traglast in Kilogramm sind Orientierungswerte des Handels und keine DIN-Prüfwerte.

DIN-Sorte / Kurzcode Ausführung / Welle ECT- und Festigkeitsniveau typische Traglast (Orientierung) empfohlener Einsatz
1.01–1.03 (einwellig, z. B. B/C) Einwellig, Lagerqualität niedriger ECT, ohne Berst-/Durchstoß-Anforderung geringe Stapellast leichte, unempfindliche Ware; kurze Wege, palettiert vom Hersteller zum Handel
1.20 / B1.20 (einwellig B-Welle) Einwellig B-Welle, Transportqualität mittlerer ECT Handelsangabe ~20 kg (theoretisch) E-Commerce-Einzelversand, leichte bis mittelschwere Ware, Ersatzteile
1.30–1.50 (einwellig B/C) Einwellig, höhere Transportqualität höherer ECT, mit Berst-/Durchstoß-Anforderung höhere Einzelpaketlast schwerere Einzelsendungen, robustere Güter
2.30 / 2.3 BC (zweiwellig) Zweiwellig BC-Welle ECT ≥ 6,50 kN/m; Berst ≥ 1.100 kPa; Durchstoß ≥ 7,50 J (DIN-Mindestwerte) Handelsangabe bis ~30 kg palettierte Stapelung, Standard-Transportverpackung Industrie/Lebensmittel
2.40 / BC2.40 (zweiwellig) Zweiwellig BC-Welle hoher ECT Handelsangabe ~40 kg (theoretisch) schwere Ware, hohe Stapel, längere Transportwege
2.60–2.70 (zweiwellig) Zweiwellig, schwere Transportqualität sehr hoher ECT hohe Stapellast schwere Maschinen-/Industrieteile, anspruchsvolle Lieferketten
2.90–2.96 (zwei-/dreiwellig, Schwerwellpappe) Schwerwellpappe, z. B. AAC höchster ECT; Berst nicht mehr messbar Handelsangabe bis ~95 kg (theoretisch) Überseeversand, Investitionsgüter, Ersatz für Holzverpackungen

Der teuerste Denkfehler: „Auf der Schachtel stehen 40 kg“

In vielen Onlineshops und Katalogfiltern taucht eine Kurzangabe der Traglast auf. B1.20 wird mit rund 20 kg theoretischer Traglast beziffert, BC2.40 mit etwa 40 kg. Diese Zahlen sind bequem, verleiten aber zu einem gefährlichen Schluss. Der Satz „auf der Schachtel stehen 40 kg, also kann ich 40 kg stapeln“ ist in der Praxis falsch. Es handelt sich um Orientierungswerte des Handels, nicht um DIN-Prüfwerte und schon gar nicht um eine sichere Dauerstapellast.

Der Grund liegt in der Kette dieses Beitrags. Die Handelsangabe bezieht sich meist auf ein einzelnes belastetes Paket im Neuzustand, nicht auf einen Stapel über Tage bei erhöhter Luftfeuchte. Erst die Umrechnung über einen ECT-Wert, die McKee-Formel und einen an den Versandweg angepassten Sicherheitsfaktor liefert eine belastbare zulässige Last. Diese liegt in aller Regel deutlich unter der werblich genannten Kilogrammzahl. Wer die reale Stapelfähigkeit braucht, verlangt vom Lieferanten den geprüften BCT-Wert nach ISO 12048 oder eine dokumentierte McKee-Berechnung mit Sicherheitsfaktor, statt sich auf die Filterangabe zu verlassen.

Ob am Ende die Verpackung oder die Lagertechnik das schwächste Glied ist, sollte getrennt betrachtet werden. Wie hoch ein Stapel im Regal tatsächlich stehen darf und welche Kontrollpflichten für die Fachbodenregale gelten, klärt die regelmäßige Regalprüfung nach DIN EN 15635. Verpackung und Regal müssen zusammenpassen, sonst nützt die stärkste Sorte nichts.

Feuchte unterschätzt: der Cobb-Wert

Wellpappe verliert unter Feuchte an Festigkeit, und dieser Effekt entscheidet über Schäden im Überseecontainer, im Kühllager oder in feuchtwarmen Zielmärkten. Der Cobb-Wert nach DIN EN ISO 535 gibt das Wasseraufnahmevermögen des Papiers in Gramm pro Quadratmeter an. Je niedriger der Wert, desto stabiler bleibt die Verpackung bei hoher Luftfeuchte. Für einen GC1-Karton liegt die Vorderseite üblicherweise unter 35 g/m² im Cobb-60-Verfahren, also bei einer Prüfdauer von 60 Sekunden.

Für den Standardversand im Inland spielt der Cobb-Wert eine untergeordnete Rolle. Sobald Ware jedoch längere Zeit in feuchter Umgebung steht oder in tropische Klimazonen geht, gehört er in die Spezifikation. Eine nominell starke Sorte mit hohem ECT nützt wenig, wenn das Deckenpapier Feuchtigkeit zieht und der Stapel nach zwei Tagen im Container zusammensackt. In solchen Fällen sind nässegeschützte Liner oder eine kaschierte Oberfläche die zielführendere Wahl als eine bloße Erhöhung der Wellenzahl.

Fallprüfung und ISTA: der Praxisnachweis

Rechnung und Sortencode beschreiben Druck und Stapelung, nicht aber Sturz, Vibration und Kippen im Paketnetz. Diese Belastungen bildet die ISTA-Prüfreihe ab. ISTA 3A ist die allgemeine Simulationsprüfung für einzelne Packstücke im Paketzustellsystem bis zu einem Gewicht von 70 kg. Sie kombiniert eine atmosphärische Vorkonditionierung, Zufallsschwingung mit und ohne Auflast sowie eine Schock- beziehungsweise Fallprüfung. Damit lässt sich vor dem Serienstart nachweisen, ob eine Verpackung den realen Weg übersteht.

Wer über Amazon verkauft, kommt an der ISTA-6-Serie nicht vorbei. Das Projekt 6-Amazon.com deckt die Varianten SIOC und Over Boxing für verpackte Produkte bis 70 lb ab und muss in einem von Amazon anerkannten APASS-Labor geprüft werden. Zum März 2026 wurde das Protokoll ISTA 6-Amazon Over Boxing überarbeitet. Kraftpapier ist nun das Standard-Polstermaterial, Luftpolster wurden als zulässige Option gestrichen, und die benötigte Polstermenge wird über eine formalisierte Berechnung bestimmt. Wer für den Amazon-Kanal packt, sollte seine Polsterstrategie an dieser Änderung ausrichten, bevor die Zertifizierung ansteht.

Kosten, Markt und die PPWR-Pflicht ab August 2026

Wellpappe ist der dominierende Transportwerkstoff. Über zwei Drittel aller Waren in Deutschland werden in Wellpappe transportiert, im E-Commerce liegt der Anteil bei 90 Prozent, und die Recyclingquote des Materials beträgt 95,3 Prozent. Die Branche setzte 2024 rund 7,414 Milliarden Quadratmeter Wellpappe ab, ein Plus von 1,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr, musste beim Umsatz aber ein Minus von 8,2 Prozent hinnehmen. Zugleich stiegen die Rohstoffkosten spürbar: Altpapierbasiertes Wellpappenrohpapier verteuerte sich von März bis August 2024 um 140 Euro je Tonne. Diese Kostenlage erhöht den Druck, die Sorte nicht großzügiger zu wählen als nötig.

Auf der Preisebene sind einwellige Standard-Faltkartons der Bauform FEFCO 0201 in der Größenordnung 300 × 200 × 100 mm je nach Abnahmemenge ab etwa 0,18 bis 0,70 Euro netto pro Stück erhältlich. Der untere Wert gilt bei Großabnahme im fünfstelligen Bereich, der obere bei Kleinmengen. Über den Stückpreis hinaus zählen die Folgekosten: Eine überspezifizierte Sorte kostet nicht nur mehr Material, sondern verursacht bei Volumenmaterial auch höhere Fracht- und Handlingaufwände.

Ab dem 12. August 2026 bekommt das Argument gegen Überspezifikation eine rechtliche Dimension. Die EU-Verpackungsverordnung PPWR ist laut Bundesumweltministerium am 11. Februar 2025 in Kraft getreten und gilt ab dem 12. August 2026 unmittelbar in allen Mitgliedstaaten. Sie verlangt unter anderem Recyclingfähigkeit sowie Material- und Volumenoptimierung und löst die Richtlinie 94/62/EG ab. In Deutschland soll das bisherige Verpackungsgesetz durch das Verpackungsrecht-Durchführungsgesetz abgelöst werden, das ebenfalls zum 12. August 2026 in Kraft treten soll. Bis dahin bleibt das VerpackG maßgeblich. Wer heute Sorten festlegt, spezifiziert damit bereits in einen Rahmen hinein, der Leerraum und Übermaß künftig sanktioniert.

Der Lieferantenmarkt in Kürze

Der Markt hat sich zuletzt spürbar konzentriert. Smurfit Kappa und WestRock haben ihre Fusion am 5. Juli 2024 abgeschlossen. Das neue Unternehmen Smurfit Westrock ist in rund 40 Ländern mit mehr als 500 Produktionsstätten tätig. Daneben stehen familiengeführte und internationale Anbieter: Klingele ist ein familiengeführter Hersteller von Wellpappe und Wellpappenrohpapieren mit Zentrale in Grunbach bei Stuttgart und rund 30 Standorten in zwölf Ländern auf drei Kontinenten. Mondi mit Sitz in Wien betreibt mehrere Wellpappenwerke in Deutschland, unter anderem in Ansbach und Eschenbach, die auf E-Commerce- und Transportverpackungen spezialisiert sind.

Nicht jeder Anbieter im Beschaffungsprozess ist ein Wellpappenwerk. Großhändler und Distributoren wie Antalis führen ein breites Verpackungssortiment, betreiben aber keine eigenen Wellpappenanlagen. Für die Beschaffung ist die Unterscheidung praktisch: Wer geprüfte Sortennachweise und individuelle Zuschnitte braucht, geht direkt zum Hersteller, wer schnell Standardware und ergänzendes Polster- und Füllmaterial benötigt, findet beim Distributor kurze Wege. Weitere Beiträge rund um Materialeinsatz und Prozessgestaltung finden sich in der Rubrik Verpackung.

Entscheidungsweg für die Praxis

Die Auswahl folgt einer klaren Kette. Zuerst steht die Frage nach Ware, Gewicht und Empfindlichkeit, danach der Versandweg mit seiner Klima- und Stapelbelastung. Aus beiden ergibt sich der benötigte ECT als Materialwert, der über die McKee-Formel und einen an den Weg angepassten Sicherheitsfaktor zur zulässigen Stapellast führt. Diese wird in eine DIN-Sorte übersetzt und, wo Feuchte oder Sturz ins Spiel kommen, um Cobb-Wert und Fallprüfung ergänzt. Die abschließende Checkliste fasst diese Schritte zusammen.

Checkliste: Wellpappkarton spezifizieren

  • Ware definieren: Gewicht, Empfindlichkeit, Form und Kantenbelastung des Packguts festhalten.
  • Versandweg klären: Lager, Straße innerhalb Europas, Container über See oder Luftfracht getrennt bewerten und den passenden Sicherheitsfaktor als Faustregel ansetzen.
  • Prüfwert wählen: Stapellast über den ECT nach DIN EN ISO 3037 spezifizieren, nicht über die Berstfestigkeit allein.
  • McKee prüfen: BCT rechnerisch abschätzen, aber die Gültigkeitsgrenze Höhe zu Umfang von 1:7 kontrollieren; bei flachen oder schmalen Kartons echten BCT nach ISO 12048 verlangen.
  • Sorte festschreiben: Kurzcode nach DIN 55468-1:2021 verwenden, für einwellige B-Welle den Abschlag von 10 Prozent einkalkulieren.
  • Handelsangabe hinterfragen: „20 kg“ oder „40 kg“ aus dem Shopfilter nicht als sichere Dauerstapellast übernehmen.
  • Feuchte berücksichtigen: Bei Übersee oder Kühllager den Cobb-Wert nach DIN EN ISO 535 in die Spezifikation aufnehmen.
  • Praxis absichern: Bei kritischer Ware ISTA 3A prüfen lassen; für den Amazon-Kanal ISTA 6-Amazon mit dem aktuellen Stand März 2026 einplanen.
  • PPWR mitdenken: Ab 12. August 2026 gelten Material- und Volumenoptimierung; Übermaß und Leerraum vermeiden.

Konkret nächste Schritte: Fordern Sie für die zwei bis drei meistgenutzten Kartongrößen einen aktuellen Prüfbericht mit ECT- und, wo relevant, BCT-Wert an, gleichen Sie die genannte Sorte gegen DIN 55468-1:2021 ab und lassen Sie eine kritische Verpackung vor dem nächsten Rahmenvertrag nach ISTA 3A prüfen. Damit steht die Auswahl auf belegten Werten statt auf Katalogangaben.

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